Mit “Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings” betritt Marvel auf den ersten Blick völlig neues Terrain. Der Fantasy-Aspekt des MCU blieb bislang weitgehend auf Doctor Strange beschränkt. Und fernöstliche Martial-Arts haben außer bei der mäßige “Iron Fist“-Serie bei Netflix, die nicht Teil des MCU ist, eigentlich noch keine große Rolle gespielt. In den Comics allerdings auch nicht. Neben Iron Fist ist Shang-Chi schon der wohl bekannteste Superhelden-Vertreter aus dieser Ecke der Action. Seine eigene Serie, die immerhin zehn Jahre lief, war aber nie ein wirklicher Hit. Marvel dürfte also andere Gründe gehabt haben, warum sie Shang-Chi nun zum Helden eines eigenen Films machen. Welche das sind und wie das Ergebnis ausgefallen ist, verrät die Kritik.

Shang Chi

Shang-Chi jobbt in San Francisco und versucht, seiner Vergangenheit als Killer zu entkommen.

Die Handlung

Shang-Chi (Simu Liu) lebt seit vielen Jahren in San Francisco, wo er mit seiner besten Freundin Katy (Awkwafina) als Einparker eines Hotels arbeitet. Dass er eigentlich der Sohn eines großen Gangsterbosses (Tony Leung) ist, den die Welt als Mandarin kennt, weiß weder Katy, noch sonst jemand in Shang-Chis Leben. Und eigentlich sollte das auch so bleiben. Doch dann wird er im Bus von einer ganzen Gruppe Schläger attackiert, die offensichtlich von seinem Vater geschickt worden sind. Zwar kann er die Bande abwehren, verliert dabei aber ein ihm kostbares Schmuckstück an seine Gegner.

Weil seine Schwester, die er seit vielen Jahren nicht gesehen hat, auch so ein Kleinod besitzt, muss Shang-Chi um ihre Sicherheit fürchten. Deshalb reist er mit Katy nach Macao, wo Xialing (Meng’er Zhang) angeblich inzwischen einen Kampf-Club leitet. Nach einem eher frostigen Wiedersehen taucht plötzlich auch ihr Vater dort auf und offeriert seinen Kindern seine Pläne. Er will seine Frau und damit die Mutter von Shang-Chi und Xialing befreien, die nach seiner Theorie an dem mythischen Ort gefangen gehalten wird, von dem sie stammt. Aber kann man dem einstigen Tyrannen, der mit den zehn Ringen eine der mächtigsten Waffen der Menschheit führt, wirklich über den Weg trauen?

Ein Film für Asien

Wenn Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings in Europa ordentlich Kasse macht, dürfte das Mutterkonzern Disney sicher freuen. Erfolge muss der Film aber anderswo feiern. Denn wie schon “Raya und der letzte Drache” (zu sehen bei Disney+) soll auch der neue Film aus dem MCU in erster Linie in Asien abräumen und in Märkten wie Südkorea, Japan und vor allem China Gewinne erzielen. Dementsprechend konsequent besetzt Regisseur Destin Daniel Cretton, der ebenfalls japanische Wurzeln hat, seinen Film fast ausschließlich mit asiatischen Schauspielern. Schurken-Darsteller Tony Leung ist ein großer Star des Hongkong-Kinos, Michelle Yeoh weltweit ein bekanntes Gesicht. Mit Awkwafina haben die Macher eine in den USA extrem bekannte Schauspielerin gecastet, lediglich Hauptdarsteller Simu Liu ist (noch) keine große Nummer.

Aber das Ziel ist klar. Eine unpolitische Fantasy-Handlung mit viel fernöstlicher Kampfkunst – und komplett ohne irgendeine politische Botschaft – kann in China gut funktionieren. Zwar gibt es zurzeit noch Vorbehalte, der Film könne westliche Klischees über China bedienen, was das Publikum dort nicht sehr schätzt, aber Marvel dürfte den Film als weiteren Schritt in den großen asiatischen Markt sehen. Denn 1,4 allein Milliarden Einwohner in China sind ein potenziell großes Publikum. Ob das nun der richtige Weg für Disney ist, die sich ja schon mit “Mulan”, diesmal allerdings im Westen, in die Nesseln gesetzt haben. bleibt abzuwarten. Fakt ist, an Shang-Chi kann auch ein Westeuropäer durchaus seinen Spaß haben.

Awkwafina

Doch die Männer seines Vaters überfallen Shang-Chi im Bus nach Hause.

Im Osten nichts Neues

Allerdings mit der Einschränkung, dass beinharte MCU-Fans möglicherweise etwas enttäuscht werden. Denn die Verbindung von Shang-Chi zum MCU ist denkbar dünn und zum Teil auch sehr an den Haaren herbeigezogen. Es ist fast zu spüren, wie fieberhaft die Autoren Dave Callaham und Cretton nach Szenen suchten, in denen sie das MCU einbauen konnten. Das wirkt aber oft mehr wie ein Alibi als eine sinnvolle Einbindung. Lediglich ein sehr passender Auftritt eines bekannten Charakters ist ebenso sinnvoll wie witzig, der Rest bleibt wenig überzeugend. Und so wie der DC-Hintergrund in “Joker” zu den schwächeren Momenten des Films zählte und ohne vielleicht noch besser geworden wäre, hätte auch Shang-Chi als Fantasy-Martial-Arts-Epos ganz ohne MCU-Verbindung gut funktioniert.

Denn die Action-Szenen des neuen Marvel-Films können sich allesamt sehen lassen. Schon der Auftakt im Bus ist stark choreographiert und umgesetzt – und der Film hält dieses ansehnliche Martial-Arts-Niveau bis zum Ende durch. Das liegt auch an Simu Liu, der seinen Part jederzeit glaubwürdig spielt und durch eigenes Können auch kaschierende Schnitte und verschleiernde Kamera-Perspektiven überflüssig macht. Liu kämpft selbst – und das sieht man auch oft. Damit das Ganze nicht zu ernst und getragen erscheint, ist Awkwafina mit an Bord. Sie hat in der Rolle der Katy den Part des lustigen Sidekicks, den sie problemlos ausfüllt.

Shang-Chi

Das führt Shang-Chi zu seiner entfremdeten Schwester Xialing, die er auch in Gefahr wähnt.

Ansonsten bietet Shang-Chi abgesehen vom konsequent asiatischen Setting wenig Neues fürs MCU. Die Story ist vielleicht etwas fantasylastiger als normal, aber doch im Kern schon häufiger so erzählt. Weder der Held noch der Schurke sind sonderlich auffällig oder abweichend vom Standard des MCU. Auch die üppige vielen Tricks sind auf der Höhe, die zahlreichen Fantasygestalten im Film sehen durch die Bank richtig gut aus. Und so darf Shang Chi and the Legend of the Ten Rings auch als grundsolider Beitrag der Reihe gelten. Ob Mastermind Kevin Feige den neuen Helden in künftigen Filmen etwas stärker ins MCU einbindet, bleibt hingegen abzuwarten. Darüber wird nicht zuletzt auch der chinesische Markt entscheiden. Nimmt das Publikum dort den Exil-Chinesen Simu Liu als Helden an – oder nicht?

Fazit:

Auch mit Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings bietet Marvel wieder grundsolide Unterhaltung, die diesmal in der Auslegung aber deutlich auf den asiatischen Markt schielt. Zudem ist die Verbindung zum MCU reichlich dünn und wirkt zudem noch konstruiert. Wer aber Lust auf einen aufwendig gemachten und gut gespielten Fantasy-Martial-Arts-Film hat, ist hier genau richtig. Zumal selbst Neulinge im MCU hier kein Problem haben, der Handlung zu folgen, denen entgeht höchstens ein Cameo, das für die Handlung des Films aber ohnehin keine Rolle spielt. Es bleibt abzuwarten, ob mit “Eternals” der nächste MCU-Film größere Überraschungen für die Fans bereithält.

Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings startet am 2. September in den deutschen Kinos.

Shang-Chi

Kann Shang-Chi seinen Vater von dessen zerstörerischen Plänen abbringen?

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