Nightmare Alley

Filmkritik: Nightmare Alley

Der mexikanische Regisseur Guillermo del Toro gehört seit vielen Jahren zu den wichtigsten kreativen Köpfen, wenn es um Horror und Fantasy – oder eine Mischung aus beiden – geht. Schon sein spanischsprachiges Meisterwerk „Pans Labyrinth“ hätte den Oscar verdient gehabt, den er für „Shape of Water – das Flüstern des Wassers“ schließlich bekam. Nun hat sich der Fachmann für unheimliche und abseitige Themen erstmals an den artverwandten Bereich des Thriller gewagt und mit „Nightmare Alley“ einen der aus heutiger Sicht wichtigsten Film Noir-Beiträge der 40er Jahre neu verfilmt. Hat del Toro nach seinen Begegnungen mit Vampiren, Faunen, Dämonen und Wasserwesen auch das Zeug dazu, die Tiefen der menschlichen Seele auszuloten? Das klärt die Kritik.

Bradley Cooper
Ziel- und mittellos stößt Stan auf einen Jahrmarkt, dem er sich anschließt. Mit erstaunlichen Folgen …

Die Handlung

Die späten 40er Jahre in den USA: Der Herumtreiber Stanton „Stan“ Carlisle (Bradley Cooper) heuert bei einem Jahrmarkt an und erledigt zunächst schwere Arbeiten beim Auf- und Abbau. Doch bald lernt er über dessen Frau Zeena (Toni Colette) den Hellseher Peter (David Strathairn) kennen, dessen Tricks er sich sehr genau ansieht. Außerdem macht der der hübschen Molly (Rooney Mara) den Hof, was ihr väterlicher Freund Bruno (Ron Perlman) gar nicht gerne sieht. Als Stan tiefer in die Machtverhältnisse des Jahrmarktes eintaucht und sich mit dem Besitzer Clem (Willem Dafoe) arrangiert, scheint für ihn ein ordentliches Leben inmitten der Schausteller möglich. Doch Stan hat weitaus größere Pläne und schreckt dabei auch nicht vor rabiaten Mitteln zurück …

Zwei Jahre später ist aus dem Duo Stan und Molly ein angesehener Akt geworden, die mit den alten Tricks von Peter auch die oberen Zehntausend in New Yorkbegeistern können. als „Der große Stanton“ tritt er täglich in einem noblen Club auf uns hat mit seiner Frau eine eigene Garderobe und ein schickes Hotelzimmer. Eines Abends fordert ihn die geheimnisvolle Lilith (Cate Blanchett) auf offener Bühne heraus, in dem sie ihn durch die Blume als Scharlatan bezichtigt. Weil Stan aber seinen Kopf aus der Schlinge ziehen kann, erweckt er bei der kühlen Blondine Interesse. Schnell entpuppt sie sich als mögliche Helferin bei Auftritten, die Stan sehr schnell sehr reich machen können, ihn allerdings auch in Kontakt mit sehr mächtigen Leuten bringen …

Grandiose Optik

Wer schon Filme von Guillermo del Toro gesehen hat, der weiß, welchen einmaligen Look der Regisseur mit seinem Team für jeden Film kreiert. Das ist auch bei Nightmare Alley nicht anders. Selbst wenn einem der Film in Sachen Handlung und Schauspiel nicht gefallen sollte, so bleibt noch immer der grandiose optische Eindruck. Folgerichtig ist der Film bislang auch in keiner Kategorie so oft bei Filmpreisen nominiert wie beim Production Design von Tamara Deverell und Shane Vieau. Auf einer großen Leinwand deren Arbeit zu sehen, lohnt bereits den Gang ins Kino. Hier zeigt del Toro, dass er auch ohne besondere Kreaturen in der Lage ist, einem Film einen optischen Stempel aufzudrücken, der im Gedächtnis bleibt.

Inhaltlich ist Nightmare Alley für Fans von del Toro allerdings eine echte Umstellung. Denn üblicherweise hält sich der Regisseur, Autor und Produzent an das Schema von Gut und Böse, auch wenn er sich mit Figuren wie „Hellboy“ Optionen in beide Richtungen offenhält. Hier allerdings ist von diesem typischen Thema wenig zu sehen. Wie es sich für einen Film Noir gehört, sind fast alle Figuren auf eine gewisse Weise böse – oder zumindest weit davon entfernt, Helden zu sein. Und wenn ein Charakter tatsächlich so gar nichts Böses im Schilde führt, ist so eine Figur im klassischen Film Noir dann eben hoffnungslos naiv und in aller Regel ein Opfer. Auch daran hält sich del Toro in seiner Neuauflage.

Nightmare Alley
Stan lernt schnell, wo er sich nützliche machen kann und steigt bald in der Hierarchie auf.

Film Noir als Vorbild

Film Noir heißt eben: Archetypen. Die naive Schönheit ist hier Rooney Mara, deren ambivalente Ausstrahlung der Spannung allerdings sehr gut tut. Cate Blanchett glänzt als verruchte Femme Fatale, die aber aufgrund dieses Typs auch keine große Überraschung zulässt, was ihren Charakter angeht. Richard Jenkins ist als verschrobener Millionär in der Grauzone zwischen Opfer und Täter unterwegs. Und auch die weiteren Stars wie Ron Perlman, Willem Dafoe, Toni Colette und David Strathairn verkörpern ihre Figuren im komplexen Spiel um die Frage, wer hier wen betrügt, mit viel Esprit. Bradley Cooper als zentraler Charakter der Geschichte zeigt hier erneut, dass der oft auf gutes Aussehen reduzierte Hollywood-Star ein wirklich guter Schauspieler ist. Er ist als cleverer Betrüger, der für seine Ziele über Leichen geht, in jeder seiner zahlreichen Szenen extrem präsent und strahlt eine manchmal bedrückende Intensität aus.

Probleme hat Nightmare Alley dennoch. Denn del Toros Gespür für Timing ist ihm hier etwas abhanden gekommen. Die ganze Einführung der Figuren auf dem Jahrmarktzieht sich deutlich zu sehr dafür, dass die Relevanz für die eigentliche Handlung gar nicht so groß ist. Und auch beim Hauptplot um Stan und die reichen Männer, die er über den Tisch ziehen will, kommt nur bedingt Spannung auf. Denn del Toro baut immer wieder Szenen ein, die die Handlung ausbremsen, ohne dafür Neuigkeiten über die Figuren zu verraten. Und so wirkt die zweite Hälfte des Films hin und wieder ein wenig redundant. 150 Minuten hätte der Plot jedenfalls nicht unbedingt benötigt, auch wenn die Version von 1947 mit Tyrone Power in der Hauptrolle für damalige Verhältnisse auch schon stattliche 110 Minuten lief.

Eine Verbeugung vor dem Meister

Rooney Mara
Auch das Herz der ruhigen Molly erobert Stan im Sturm.

Die Liebe des Regisseurs zu den Großen der Thrillerzunft zeigt del Toro in vielen Details. So ist eine Geisterbahn auf dem Jahrmarkt mit einem ganz ähnlichen Design furchterregender Augen geschmückt, wie die, die Salvador Dali für Alfred Hitchcocks „Ich kämpfe um dich“ entwarf. Ohnehin zeigt sich auch hier wieder del Toros Blick für scheinbar Unscheinbares. Und seine Akribie, wenn es um Kleinigkeiten geht, die für manche Szenen aber eine große Wirkung entfalten. Nur ein atemlos spannender Thriller will ihm hier nicht gelingen. Vielleicht braucht der große Regisseur doch mehr Gut und Böse in seinen Filmen, um richtig zu glänzen.

Fazit:

Nightmare Alley ist ein optisch herausragender Film Noir, der mit Stars im Dutzend aufwarten kann. Und die auch noch alle in toller Spiellaune sind. Dass der Film inhaltlich nicht komplett überzeugt, liegt an der unnötigen Länge von 150 Minuten, die den Film streckenweise zäh wirken lassen. Als Hommage an die große Zeit des Sub-Genres in den 40er funktioniert der Film tadellos. Als eigenständiger Thriller, der mit unerwarteten Wendungen punkten kann, ist das allerdings nur bedingt der Fall. Denn bei so vielen dunkelgrauen Charakteren hat der Zuschauer nur wenig Möglichkeiten, sich auch emotional zu involvieren. Und so bleibt das Publikum auch nur Publikum, statt zu Komplizen zu werden. Nicht Guillermo del Toros bester Film, aber immer noch ein guter.

Nightmare Alley startet am 20. Januar 2022 in den deutschen Kinos.

Cate Blanchett
Als die kühle Lilith in Stans Leben tritt, fordert er sein Glück mit aller Macht heraus. Ob das gut geht?