The Reckoning

Filmkritik: The Reckoning

Neil Marshall ist als Regisseur mittlerweile eine Wundertüte. Nachdem er sich in jungen Jahren mit „Dog Soldiers“ 2002 erste Meriten im Horrorfilm verdiente, folgte 2005 sein bisheriges Meisterstück „The Descent“. Der Film um eine Gruppe Frauen, die eine Höhle erforschen will und dabei mehr als eine unliebsame Entdeckung macht, gehört zu den besten Horrorfilmen der vergangenen 20 Jahre. Seitdem hat Marshall aber zunehmend Probleme, diese Qualität wieder zu erreichen. Waren Nachfolger wie „Doomsday“ und „Centurion“ für die Zielgruppen noch durchaus ansehnlich, erreichte er mit „Hellboy“ seinen bisherigen Tiefpunkt. Kann er mit dem Hexenverfolgungs-Drama „The Reckoning“ wieder zu alter Form finden?

The Reckoning
Die junge Grace muss ihren Mann beerdigen, der sich das Leben nahm, weil er die Pest in sich trug.

Die Handlung

Mitte des 17. Jahrhunderts wütet die Pest in England. Auch die kleine Familie von Bauersfrau Grace (Charlotte Kirk) bleibt nicht verschont. Ihr Mann Joseph (Joe Anderson) infiziert sich beim Besuch der Taverne der nahen Stadt mit der Krankheit. Um seine Frau Grace und das gemeinsame Baby nicht zu gefährden, nimmt er sich selbst das Leben, indem er sich erhängt. Grace muss ihren toten Gatten heimlich beerdigen, damit diese Sünde nicht auffliegt. Doch die junge Witwe muss noch mehr erdulden. Weil der Landbesitzer seine Pacht gern in sexuellen Gefälligkeiten abrechnen möchte, sie ihn aber abweist, bringt er Gerüchte darüber in Umlauf, dass sie eine Hexe ist, die ihren eigenen Mann in den Tod getrieben hat.

Schon bald taucht der berüchtigte Hexenjäger Moorcroft (Sean Pertwee, „Gotham“) auf, der in Graces Leben bereits einmal eine unheilvolle Rolle gespielt hat. Weil der Preis stimmt, den der rachsüchtige Landbesitzer zahlt, steht für Moorcroft schnell fest, dass Grace in jedem Fall eine Hexe ist. Doch der will nicht nur eine Verurteilung, sondern auch ein umfassendes Geständnis. Und das will ihm Grace, trotz immer schlimmer werdender Folter, einfach nicht geben. Bald kommen selbst dem harten Hexenjäger zunehmend Zweifel an seinem Tun, doch nun kann er in dem Fall nicht mehr zurück. Während er mit seinem Gewissen kämpft, erhält Grace im Gefängnis Besuche von Dämonen. Oder sind das nur Visionen aufgrund der Schmerzen und Entbehrungen? 

Nicht Fisch, nicht Fleisch

In diversen Kritiken zu The Reckoning, der bereits 2020 unter anderem beim Fantasy Film Fest zu sehen war, bekam Neil Marshall eine Menge Spott ab, weil er seiner neuen Lebensgefährtin Charlotte Kirk den Film auf den wohlgeformten Leib geschrieben haben soll, tatsächlich haben beide gemeinsam das Drehbuch verfasst. Ob Kirk die treibende Kraft hinter dem Projekt war, um ihre Schauspiel-Karriere voranzutreiben, ist zumindest nicht belegt. Klar ist hingegen, dass Marshalls neuer Film zwar besser gelungen  ist als Hellboy, aber damit noch nicht unbedingt gut. Das liegt vor allem daran, dass sich Marshall offenkundig nicht entscheiden konnte, was für eine Art Film er denn nun machen wollte.

Denn als Torture-Porn-Hexenhorror taugt The Reckoning nicht, dazu zeigt er letztlich deutlich zu wenig von dem, was Gore-Hounds sehen wollen. Gefoltert wird im Off oder der Vorgang an sich wird gar nicht gezeigt und die Handlung setzt erst nach den Torturen wieder ein. Wer auf viel Haut und Erotik hofft, dürfte auch enttäuscht werden, sonderlich explizit geht Marshall mit den Reizen seiner Hauptdarstellerin nicht um. Bliebe also noch die eigentliche Story, um Horrorfans abzuholen. Doch auch hier gilt: Zwar ist The Reckoning keine totale Katastrophe, aber sonderlich originelle Szenen kann Marshall auch nicht vorweisen. So oder ganz ähnlich haben die Filmemacher das Thema schon seit den 60er Jahren erzählt – und mitunter auch deutlich besser.

The Reckoning
Er hatte sich im nahen Dorf infiziert, wo die Krankheit sich ihre Opfer holt.

Ordentlich inszenierter Standard

Marshall zeigt hier lediglich, dass er ein guter Regisseur ist. Denn optisch kann die Horror-Drama-Melange in Teilen durchaus überzeugen. Grace, die bei strömenden Regen ihren Mann beerdigt. Oder die Auftritte des Teufels in Graces Zelle. Das kann sich durchaus sehen lassen ist stimmungsvoll in Szene gesetzt, auch wenn sich der Horror in engen Grenzen hält. Als Drehbuchautor überzeugt er im Team mit seiner Hauptdarstellerin hingegen nicht. So etwas wie unvorhersehbare Wendungen sind hier ebenso wenig zu finden wie Charakterisierungen jenseits gängiger Klischees. Der Hexenjäger ist natürlich korrupt, der Landverpächter ein mieser Dreckskerl, die Helferin Moorcrofts verblendet. Das hat Marshall in der Vergangenheit schon deutlich besser gemacht, wie etwas bei seinem großartigen The Descent.

Ob man Charlotte Kirk also die Schuld geben muss? Zumindest trägt sie die Verantwortung dafür, dass ihre Hauptfigur weder sonderlich berührt, noch anderweitig Emotionen auslöst. Falls die junge Dame eine gute Schauspielern ist, beweist sie das in The Reckoning jedenfalls nicht.  Angesichts der Gräueltaten, denen ihre Figur ausgeliefert ist, wirkt ihr Spiel wenig überzeugend, fast stoisch erträgt sie schlimmste Folter und auch von ihren dämonischen Visionen scheint die junge Frau nicht sonderlich beeindruckt. 

The Reckoning
Durch eine Intrige fällt Grace wenig später dem berüchtigten Hexenjäger Moorcroft in die Hände, für den die junge Frau auf bereits schuldig ist.

Dazu kommen deutlich sichtbar Budget-Entscheidungen. Die Maskenbildner haben zwar einen ordentlichen Job gemacht. Aber Geld für abwechslungsreiche Kulissen oder eine größere Menge Statisten war offenkundig nicht vorhanden. Und so muss sich das Publikum damit begnügen, dass der gesamte Prozess weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet und sich weite Teile der Handlung in zwei Räumen abspielen. Immerhin ist Sean Pertwee als Moorcroft durchaus ansehnlich, doch auch er kann aus der flach geschriebenen Rolle keine Meisterleistung zaubern. Ein wenig Horror, ein wenig Haut, ein wenig Folter – so richtig abgeholt wird mit diesem Mix wohl niemand.

Fazit:

Mit The Reckoning zeigt Horror-Ikone Neil Marshall nach seinem schlimmen Hellboy-Debakel leichte Erholungserscheinungen – mehr aber auch nicht. Vor allem seine Hauptdarstellerin wirkt mit der Rolle überfordert und auch das sichtbar enge Budget verhindert hier etliche Schauwerte, die Marshall eigentlich problemlos abliefert. Und so versinkt das emanzipatorisch angehauchte Horror-Drama im Mittelmaß. Fans des Regisseurs erkennen zumindest in Ansätzen das Talent des Mannes wieder, für Horrorfans ist der Film angesichts des momentan schmalen Angebots auch gerade so akzeptabel. Von einem Genre-Meilenstein wie The Descent ist Marshall mit diesem Film allerdings deutlich entfernt.

The Reckoning erscheint am 28. Mai 2021 auf DVD und Blu-Ray und am 21. Mai bereits digital.

The Reckoning
Um ein Geständnis zu bekommen, lässt er Grace auf grausamste Art und Weise foltern.