Eine echte Odyssey von einem Film! Bereits 2007 gab es erste Versuche, den Originalfilm von Clive Barker nach dessen eigenem Kurzroman neu zu verfilmen. Doch immer wieder zerschlugen sich die Projekte mit teilweise bekannten und berühmten Horror-Regisseuren wie Pascal Laugier, Julien Maury und Alexandre Bustillo oder Patrick Lussier. Nun hat es Hulu im vergangenen Jahr endlich geschafft, das Reboot des Horror-Klassikers zu drehen und ins Programm zu nehmen – allerdings nicht in Deutschland. Hier kommt „Hellraiser“ mit einem guten halben Jahr Verspätung erst jetzt an, und zwar auf Paramount+. Ob sich das Warten auf den Film gelohnt hat, klärt die Kritik.

Die Handlung
Ex-Junkie Trevor (Drew Starkey) überredet seine Freundin Riley (Odessa A’zion) dazu, in einer weitgehend leerstehenden und unbewachten Lagerhalle einzubrechen. Dort soll es etwas zu holen geben. Doch als die beiden einen Safe öffnen, findet sich darin nur eine Holzkiste, die einen seltsamen Würfel enthält. Während Trevor mehr als enttäuscht ist, findet Riley Gefallen an dem Würfel und nimmt ihn mit. Als sie aufgeputscht nach Hause kommt, wird Riley bereits von ihrem Bruder Matt (Brandon Flynn) erwartet, der ihr ansieht, dass sie getrunken hat und sie wütend aus der Wohnung wirft. Wütend auf sich selbst fährt Riley davon und sucht sich in der Nähe eines Parks einen ruhigen Platz, wo sie im Auto schlafen kann.
Da fallen ihr ein paar Pillen in die Hände, die sie noch im Auto versteckt hatte. Mit den Drogen im Körper geht sie auf den Spielplatz im Park und versucht, das Rätsel des Würfels zu lösen. Und tatsächlich gelingt es ihr, das seltsame Artefakt in eine neue Form zu bringen. Dabei schneidet sie sich fast an einer plötzlich ausfahrenden Klinge, kann einer Verletzung aber entgehen. Kurze Zeit später scheint Riley plötzlich Visionen zu bekommen, denn sie sieht schrecklich deformierte Gestalten, die mit ihr reden und sich ihr langsam nähern. Als dann auch noch Matt auftaucht, der seiner Schwester helfen will, kommt es zu einem verhängnisvollen Unfall …
Echter Reboot
Der neue Film von Regisseur David Bruckner erfüllt in jeglicher Hinsicht den Tatbestand eines Reboots. Denn Hellraiser ist nicht einfach nur ein Remake des Films von 1987, sondern erzählt die Saga das Würfels, der Dämonen herbeiruft, in einer neuen Interpretation. Ohne deshalb bestimmt Eckpunkte der Vorlage zu ignorieren. In mancherlei Hinsicht ist er sogar näher an Barkers Kurzroman als dessen eigener Film. So ist mit Jamie Clayton diesmal eine Frau als Pinhead, der im Film nur Priester heißt, besetzt worden, um das androgyne der literarischen Version hervorzuheben. Doug Bradley, Originaldarsteller der Rolle in vielen Filmen, äußerte sich sehr lobend über den neuen Look und die Kollegin, die den Charakter spielte. Und in der Tat ist Pinhead nicht das Problem von Hellraiser. Das Problem ist die Herkunft.
Denn Hellraiser wurde in den USA für ein heimisches Publikum gedreht. Und da hat Sexualität und Lust natürlich keinen Platz. Bruckner und die Drehbuchautoren Ben Collins und Luke Piotrowksi haben daher sämtliche von Barker erdachte Anspielungen auf Sado-Maso-Sex, Lust durch Schmerz und ähnliche Dinge radikal herausgestrichen. Der Originalplot, der sehr deutlich körperliches Verlangen als Motivation vieler seiner Protagonisten zeigte, findet sich hier dementsprechend überhaupt nicht wieder. Bruckner macht einen zwar durchaus blutigen, aber in Sachen Sex klinisch reinen Film. In dem selbst die vorkommenden Sex-Szenen eine Freigabe ab 12 Jahren locker geschafft hätten. Barkers Credo, Lust zu wollen und sich dafür schuldig zu fühlen, in der Neuauflage hat dieses Gedankengut keinen Platz.

Für Neulinge ein guter Film
Das dürfte aber in erster Linie den Teil des Publikums stören, der mit der Hellraiser-Reihe bereits gut vertraut ist. Denn wer mit diesem Film seinen ersten Ausflug in die Welt der Cenobiten unternimmt und nichts über die Vorlage weiß, der bekommt einen blutigen und in weiten Teilen spannenden Horrorfilm. Das neue Design der Dämonen kann sich mehr als sehen lassen. Die Villa, in der die gesamte zweite Hälfte des Films spielt, ist als Kulisse ebenfalls ein Hingucker. Und erinnert ein wenig an „13 Ghosts“. Und blutige Effekte hat der neue Film auch zu bieten. Wer also nach einem durchaus derben und handwerklich gut gemachten Horrorfilm sucht, dürfte mit Hellraiser durchaus glücklich werden. Das ist aber eben nur die halbe Wahrheit.
Denn Clive Barker, der zumindest in den 80ern mit seinen „Büchern des Blutes“ als Erneurer des Horror-Genres galt, packt in seinen Roman und Film viel mehr als typischen Teenie-Horror, wie Bruckner ihn hier in weiten Teilen inszeniert. Ähnlich wie in Filmen we „Wish Upon“ oder „Countdown“ packt er hier eine Bedrohung, die eine Gruppe von Leuten nach und nach dezimiert. Das hat mit der Original-Idee gar nichts zu tun. Barker ließ in seiner Story das Böse als eine fast gleichgültige Macht auftauchen, die sehr wohl absichtlich von seinen Protagonisten beschworen und für deren Zwecke genutzt werden soll. Zumindest diesen Teil der Geschichte lässt Bruckner mit dem Charakter von Goran Visnic unangetastet, verändert aber seine Motivation.

In Barkers Welt konnte das Publikum manchmal nicht entscheiden, wer eigentlich das größere Monster ist, der Mensch oder der Cenobit. Auch das hat Bruckner in großen Teilen nicht geschafft. Fans der Reihe fehlt daher die Gravitas der Bösartigkeit, die Barker über dem Zuschauer ausgeschüttet hat. Bruckner hat keinen schlechten Film gedreht, aber die Elemente, die Barkers Vision über das Gros thematisch ähnlicher Filme heben, die konnte der neue Regisseur nur zu geringen Teilen in seine Version hinüberretten. Man kann sich Hellraiser als Horrorfan gut ansehen, sollte aber nicht zu viel erwarten. Besser als die meisten Fortsetzungen von Barkers Klassiker ist die neue Fassung aber allemal.
Fazit:
Wer bislang noch nie eine Berührung mit Clive Barkers Hellraiser hatte, dem wird das Reboot der Story möglicherweise ganz gut gefallen. Denn einige Bestandteil der Geschichte haben den Neustart gut überstanden. Die Cenobiten sehen großartig aus, der Gewaltgrad steht dem Original kaum nach – und spannend ist der neue Film auch. Was den Fans der Reihe aber fehlen wird, ist das typische Barker-Element, das Regisseur David Bruckner und seine Drehbuchautoren aus dem Stoff entfernt haben. Die fleischlichen Gelüste, bei Barker stärkste Triebfeder seiner Protagonisten, wurden in der neuen Version komplett gestrichen. Und das macht den neuen Film nur zu einem ordentlichen Teenie-Horror, aber nicht zu einem wirklich würdigen Reboot des Stoffes.
Hellraiser startet am 15. April 2023 bei Paramount+.
