Christina Rodlo
Netflix

Filmkritik: Niemand kommt hier lebend raus

Halloween naht in großen Schritten – und die Streamingdienste stocken deshalb ihre Horrorfilme auf. Netflix nutzt dazu hauptsächlich Eigenproduktionen, wie den neuen Horror-Thriller „Niemand kommt hier lebend raus“. Wird der Streamingdienst durchaus zu Recht wegen der mangelnden Qualität der eigeneproduzierten Filme kritisiert, so ist doch gerade im Horrorbereich die Trefferquote gar nicht so übel. Sehenswerte Mainstream-Produktion wie die „Fear Street“-Trilogie oder experimentellere Horror-Filme wie „Wounds“ überzeugen häufiger als andere Genres bei Netflix. Ob auch der neue Haunted House-Mix Fans zufriedenstellen kann, klärt die Kritik.

Niemand kommt hier lebend raus
Ambars neue Bleibe macht einen überaus unheimlichen Eindruck auf die junge Frau.

Die Handlung

Die junge Ambar (Christina Rodlo) ist illegal über die mexikanische Grenze gekommen und sucht nun nach Arbeit. Da sie nur wenig Geld besitzt, landet sie in der Pension des wenig freundlichen Red (Marc Menchaca), der ihr für ein paar Dollar ein Zimmer überlasst. Außer ihr lebt nur noch ein anderes junges Mädchen dort, die allerdings ebenso abweisend ist wie der Vermieter. Weil Ambar einen Job in einer Näherei findet, entspannt sich ihre finanzielle Situation – allerdings nur kurzfristig. Denn sie braucht dringend einen falschen Pass, dessen Organisation eine Kollegin übernehmen will. Doch Kinsi (Moronke Akinola) erweist sich als unzuverlässig.

Daher sitzt Ambar bald fast ohne Geld in der Pension fest. Und die hat es in sich, wie die junger Mexikanerin bald merkt. Gruselige Geräusche dringen aus dem Keller nach oben. Fußabdrücke erscheinen auf dem Boden und verschwinden wieder. Offenbar haben sich hier in der Vergangenheit schreckliche Dinge abgespielt, deren Echos noch immer durch die Wände des alten Hauses hallen. Oder ist die Bedrohung für Ambar doch sehr viel realer, als sie sich das vorstellen kann? Neue Nachbarinnen geben darüber ebenso wenig Aufschluss wie der Vermieter, der nicht so allein lebt, wie er das Ambar gegenüber zu Beginn behauptet hat …

Neuer Stoff vom „Ritual“-Autor

Für Regisseur Santiago Menghini, der bereits mehrere Kurzfilme drehte, aber eigentlich mit Special Effects seine Filmkarriere begann, ist es der erste abendfüllende Spielfilm – oder das, was man so nennt. Denn mit 85 Minuten ist Niemand kommt hier leben raus nicht eben lang – aber lang genug. Der Roman, der diesem Film zugrunde liegt, stammt vom Schriftsteller Adam Nevill. Dessen andere Horrorstory „The Ritual“ wurde ebenfalls von Netflix verfilmt und gilt als einer der besseren Horrorfilme auf dem Streamingdienst. Und auch wenn die Geschichten einige deutlich Unterschiede aufweisen, so sind doch die Parallelen unübersehbar. Auch, weil Ritual-Regisseur David Bruckner hier als Produzent in Erscheinung tritt.

Überraschungen gibt es in Niemand kommt hier lebend raus allerdings kaum. Denn schon im Vorspann zeigt Menghini Ausgrabungsarbeiten im mexikanischen Dschungel und den Transport einiger Artefakte in die USA. Wer schonmal einen Horrorfilm gesehen hat, erkennt natürlich, dass diese Szenen nicht ohne Grund im Film vorkommen. Zumal einige der seltsamen Ereignisse, die im alten Filmmaterial gezeigt werden, auch in der Pension bald stattfinden. Zum Beispiel plötzlich auftauchende Falter und Schmetterlinge, die offenbar im ganzen Haus umherfliegen, und auch hinter Glas an vielen Wänden hängen. Der Zuschauer lernt schnell, dass diese Tiere hier Botschafter des Unheils sind.

Marc Menchaca
Vermieter Red gibt vor, nichts über seltsame Ereignisse im Haus zu wissen.

Das starke Finale entschädigt für Leerlauf

Menghini versucht hier sehr deutlich, mit klassischen James Wan-Hounted House-Tricks zu arbeiten, um einen spannenden Film zu erzählen. Das Problem ist, dass er kein James Wan ist. Die Grundideen sind oft gar nicht übel, die Ausführung reicht aber nicht aus, um Horrorfans großartig zu erschrecken. Und so plätschert die erste Hälfte eher dahin, als dass sie mit großen Schocks oder besonders dichter Atmosphäre überzeugt. Allerdings kriegt Niemand kommt hier lebend raus im zweiten Teil doch noch die Kurve, was an den Stärken des Regisseurs liegt. Die Gore-Effekte ziehen zum Finale hin deutlich an und auch das Creature Design ist wie in The Ritual interessant und originell. Und bietet etwas, was man eben nicht schon in jedem zweiten Horrorfilm gesehen hat.

So gibt es in der Story selbst zwar keine großen Wendungen, sondern sie erfüllt die Erwartungen, die sie in den ersten zehn Minuten bereits aufbaut, ein paar unangenehm anzuschauende Sequenzen gelingen ihm aber dennoch. Die letzten 15 Minuten sind dann richtig gut. Und der Rest hätte mit einem etwas erfahreneren Regisseur vielleicht noch besser werden können. Denn wie in The Ritual hat Autor Adam Nevill auch für diese Geschichte einen Schluss gefunden, den man so nicht kommen sieht. Lediglich der Weg dahin hätte gern etwas fesselnder ausfallen dürfen.

Niemand kommt hier lebend raus
Bald stellt Ambar fest, dass Red gar nicht allein lebt, wie er behautet hat. Hat er sie auch über andere Dinge belogen?

Christina Rodlo trägt dabei die Hauptlast des Plots auf ihren Schultern und meistert die Rolle sehr gut. Ihre Angst nimmt man ihr jederzeit ab. Und die fast ausweglose Situation, in der sie sich als illegale Migrantin befindet, macht die Sache noch schlimmer. Auch Marc Menchaca, der im vergangenen Jahr in dem sehenswerten Thriller „Alone“ überzeugte, spielt hier den undurchsichtigen Red mit genau der richtigen Menge Abgründigkeit, damit der Zuschauer dem Charakter so gut wie alles zutraut – im Guten wie im Schlechten. Die weiteren Rollen sind bis auf zwei Ausnahmen allerdings zu klein und zu beliebig, um länger als ein paar Minuten in Erinnerung zu bleiben.

Fazit:

Mit Niemand kommt hier lebend raus zeigt Netflix einen wenig überraschenden, dafür aber inhaltlich durchaus originellen Horrorfilm, der vor allem mit seinem starken Finale punkten kann. Er braucht zwar einige Zeit, bis er so richtig ins Rollen kommt, aber dann stimmen Blutgehalt und Spannung. Die Romanvorlage stammt vom gleichen Autor wie der Netflix-Horror The Ritual und auch seine neue Story findet in scheinbar ausgetretenen Pfaden noch ein paar neue Aspekte, die den Film über den Durchschnitt heben. Wäre Santiago Menghini ein besserer Regisseur, wäre vielleicht auch die mäßige erste Stunde des Films noch ein wenig packender geworden. Horrorfans können aber trotzdem ruhig einschalten.

Niemand kommt hier lebend raus startet am 29. September 2021 bei Netflix.

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