Frank Herberts Roman “Der Wüstenplanet” (in englischen Original “Dune”) gehört zu den wichtigsten und bekanntesten Science Fiction-Storys der Welt. Kaum jemand, der sich für das Genre interessiert, ist an diesem Werk vorbeigekommen. Aufgrund seiner komplexen Struktur und der Vielzahl an Themen, die Herbert in seiner Saga von der fernen Zukunft der Menschheit anreißt, galt der Roman lange als unverfilmbar. 1984 scheiterte Kultregisseur David Lynch zumindest an den Kinokassen mit seiner Version. Auch wenn einige Fans dem Film durchaus etwas abgewinnen können. Nun versucht es Denis Villeneuve, der sich in den vergangenen Jahren den Ruf als Erschaffer von bildgewaltigen neuen Welten (“Blade Runner 2049“) erarbeitet hat. Bietet sein “Dune” mehr als schöne Bilder? Das klärt die Kritik.

Timothee Chalamet

Paul muss seine Heimat Caladan verlassen. Doch ihn plagen finstere Visionen der Zukunft auf Arrakis.

Die Handlung

Wir schreiben das Jahr 10191. Die Galaxis ist von der Menschheit besiedelt, außerirdische Kulturen wurden nie entdeckt. Damit die interstellare Raumfahrt funktioniert, brauchen die Navigatoren der Schiffe eine Droge namens Spice, die es ihnen ermöglicht, in Nullzeit von einem Ort zum anderen zu springen. Doch das Spice gibt es nur auf einem einzigen Planeten im bekannten Universum – dem Wüstenplaneten Arrakis. Den hat das Haus Harkonnen für das Imperium seit Jahrhunderten verwaltet. Doch nun hat der Imperator die wertvollste Welt deren Erzfeinden, dem Haus Atreides, als Lehen gegeben. Herzog Leto (Oscar Isaak), der dem Imperator schon lange ein Dorn im Auge ist, ahnt eine Falle, kann sich dem Wunsch des Herrschers der Menschheit aber nicht widersetzen.

Und so zieht das Haus Atreides um Leto, seinen Sohn Paul (Timothee Chalamet), und dessen Mutter Jessica (Rebecca Ferguson) von der Wasserwelt Caladan nach Arrakis um. Jessica, die zum Orden der Bene Gesserit gehört, einer Gruppe von Frauen mit PSI-Fähigkeiten, hat ihren Sohn heimlich in ihren Künsten trainiert. Und so hat Paul bereits Träume und Visionen von Dune und seinen Bewohnern, den Fremen, bevor er einen Fuß auf den Planeten gesetzt hat. Offenbar sehen manche in ihm einen möglichen Erlöser, der die Galaxis neu ordnen wird und die alten Strukturen zerschlägt. Doch Paul ist sich weder sicher, dass er diese Person ist – noch, dass er sie sein will. Doch seine Wünsche spielen keine Rolle mehr, als sich die perfide Falle für das Haus Atreides langsam zuzieht …

Bilder vom anderen Stern

Über Frank Herberts Buch sagten andere Autoren, es sei für die Science Fiction das, was “Der Herr der Ringe” für die Fantasy wäre. Obwohl deutlich schlanker als Tolkiens Werk, steckt doch viel Handlung in den gut 500 Seiten des ersten Romans. Und so entschied Denis Villeneuve früh, dass er den Stoff gern in zwei Filmen erzählen würde, was Warner abnickte. Allerdings mit dem Zusatz, dass der erste Teil nicht floppen dürfe. Der Druck auf Dune ist also relativ groß, an den Kinokassen Erfolg zu haben, damit das Publikum dann in einigen Jahren die ganze Geschichte zu sehen bekommt. Wenn Villeneuve tatsächlich Druck verspürte, so merkt man das dem Ergebnis zumindest in keiner Sekunde an.

Denn der 53-jährige Franko-Kanadier entwickelt seine Version des Romans mit der Ruhe und Akribie, die man aus seinen früheren Werken kennt. Besonders auffällig ist dabei in der Tat die Bildgewalt, für die der Kinobesuch allein eigentlich schon Pflicht ist. Der australische Kameramann Greig Fraser lässt eine Welt entstehen, die optisch kaum an typische Science Fiction erinnert. Kleidung, Wohnräume und Waffen, all das wirkt nicht wie 8000 Jahre entfernt von unserer Realität. Wilde Raumschlachten gibt es hier ebenso wenig wie Gefechte mit Laserwaffen. Stattdessen steht Nahkampf mit Dolchen im Fokus. Denn nur mit vermeintlich primitiven Waffen lässt sich der Energieschirm eines Gegners überwinden – wie Herbert es beschrieb. Wer die Romane kennt, der wird sich in Villeneuves Version also schnell zuhause fühlen.

Oscar Isaak

Pauls Vater Leto ahnt die Falle des Imperators, aber nicht das Ausmaß des Verrats.

Perfekte Besetzung

Auch schauspielerisch gibt es bei Dune keine Kritikpunkte. Obwohl das Drehbuch, das Villeneuve mit Jon Spaihts (“Doctor Strange”) und Eric Roth (“A Star is Born“) schrieb, sich ganz selten ein wenig Humor erlaubt, ist der Grundton so ernst wie der Roman. Und so agieren die Stars, die Villeneuve hier gleich im Dutzend auffährt, mit entsprechender Gravitas und Ernsthaftigkeit. Besonders auffällig ist dabei Timothee Chalamet, der seinen Paul Atreides als Sci-Fi-Hamlet anlegt. Grüblerisch und zögerlich setzt er sich mit seiner möglichen Zukunft auseinander und hadert mehr als einmal mit seinem Schicksal. Herbert schrieb in seinem Roman nicht über durchschnittliche Menschen, sondern über außergewöhnliche. Die Schauspieler unter Villeneuves Regie folgen dieser Idee und spielen ihre Rollen entsprechend.

In einem Detail ist Villeneuves Verfilmung dem Roman sogar ein kleines Stück voraus. Während Herberts Figuren allesamt etwas kühl und unnahbar wirken, verleiht ihnen die Verfilmung deutlich mehr Wärme und Menschlichkeit. Das dürfte vielen Zuschauern den Zugang zu diesem komplexen und von vielen unterschiedlichen Strömungen durchzogenen Story-Monster etwas erleichtern. Dennoch bleibt eine Frage, die der Kritiker nicht so einfach beantworten kann: Versteht jemand, der weder das Buch kennt, noch die Verfilmung von David Lynch gesehen hat, genug von der Handlung, um den Film zu mögen? Denn im Gegensatz zu Lynch, der in gut zwei Stunden durch den gesamten Roman hetzt, belässt es Villeneuve wie angekündigt bei der Hälfte. Und das fühlt sich, bei aller Liebe zur Adaption, eben doch unvollständig an.

Dune

Die Harkonnen warten nur auf den richtigen Moment, um zurückzuschlagen.

Natürlich sollte sich niemand, der den Film gern sehen möchte, davon abhalten lassen, ins Kino zu gehen. Denn selbst diese Hälfte ist absolut sehenswert und macht vor allem Lust auf den zweiten Teil. Zudem dürfte ein gutes Einspielergebnis oder zumindest ein guter Kinostart Warner auch darin bestärken, Villeneuve das Budget für diesen zweiten Teil freizugeben. Aber wer sich mit dem Stoff bislang gar nicht beschäftigt hat, könnte von der Story möglicherweise nicht ganz so überwältigt sein wie von den Bildern. Denn als Kinoerlebnis wird es ziemlich sicher dieses Jahr nicht besseres mehr geben.

Fazit:

Dune ist ein bildgewaltiges Epos, das leider nur die Hälfte der Geschichte erzählt. Wer also die Story gar nicht kennt, könnte ein wenig unbefriedigt aus dem Kino kommen, weil er wissen will, wie es weitergeht. Man kann also nur hoffen, dass Warner Regisseur Denis Villeneuve auch den zweiten Teil der Saga finanziert. Es wäre ein grässlicher Verlust für das Kino, dürfte der Regisseur seine Vision des Science-Fiction-Klassikers nicht zu Ende bringen. Denn Villeneuve gelingt es, die doch deutlich andere Zukunft des Dune-Zyklus so nahbar zu machen, dass man sich mit den Charakteren des Films fast stärker verbunden fühlt als mit denen aus dem Buch. Ein Kunststück, dass sich möglichst viele im Kino ansehen sollten.

Dune startet am 16. September 2021 in den deutschen Kinos.

Dune

Können die Fremen Paul und seiner Mutter Jessica helfen?

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