Läuft bei ihm! Der 32-jährige Jonathan Majors hat erst vor vier Jahren in Scott Coopers „Hostiles“ seine erste größere Rolle gespielt und kann nun schon auf eine üppige Karriere zurückblicken. Er übernahm die Hauptrolle in der grandiosen HBO-Serie „Lovecraft Country“, ist das Gesicht eines neuen großen Marvel-Schurken, den er in „Antman 3“ erneu spielen wird. Und darf sich nun als cooler Outlaw auch noch durch den Wilden Westen ballern. Regie führte bei diesem uramerikanischen Genre ausgerechnet der Brite Jeymes Samuel, der eigentlich als Musiker „The Bullitts“ bekannter ist. Wie schlägt sich „The Harder They Fall“? Das klärt die Kritik.

Idris Elba

Trio Infernale: Trudy Smith, Rufus Buck und Cherokee Bill veranstalten gleich ein Blutbad.

Die Handlung

Es ist Mittagszeit bei Familie Love, irgendwo im Wilden Westen der USA. Doch das Hähnchen wird niemand mehr essen. Denn als der Gangster Rufus Buck (Idris Elba) auftaucht, ist nur Minuten später der kleine Nate ein Vollwaise. Und trägt obendrein ein blutiges Kreuz auf der Stirn, dass Buck ihm eingeritzt hat. Einige Jahre später ist Nate (Jonathan Majors) Anführer einer Bande von Gesetzlosen – und noch immer hinter den Killern seiner Eltern her. Als er den Mann erledigt hat, der ihn damals festhielt, während Buck seine blutige Schnitzarbeit verrichtete, glaubt er, seine Rache sei nun endgültig erledigt. Denn Buck, der letzte noch lebende Killer, sitzt lebenslang im Knast. Und so kehrt Nate zu seiner großen Liebe zurück: Mary (Zazie Beetz), einst Gangmitglied und nun Chefin eines gut laufenden Saloons.

Doch Mary empfängt ihn nicht mit offenen Armen und auch der Marshall der Stadt (Delroy Lindo) hat schlechte Nachrichten. Buck wurden seine Verbrechen im Gegenzug für einen blutigen Anschlag auf einen korrupten Offizier der Army vergeben – er ist ein freier Mann. Also geht Loves Rachefeldzug doch noch weiter. Und der wird nicht leicht, hat sich Buck doch mit dem Revolverhelden Cherokee Bill (Lakeith Stanfield) und der fiesen Trudy Smith (Regina King) verstärkt. Und herrscht schon wieder über das Städtchen Redwood, das er einst selbst gründete. Dennoch reitet Nate mit seinem Team dorthin, um endlich Rache am Mörder seines Vaters zu nehmen. Und das wird, so viel ist ihm klar, eine Menge Menschenleben kosten …

Tarantino-Style im Wilden Westen

Von der ersten Minute an lässt The Harder They Fall keinen Zweifel daran, dass sich Jeymes Samuel und sein renommierter Co-Autor Boaz Yakin sich tief vor Quentin Tarantino verbeugen und sich im Gegenzug viele der typischen Tarantino-Zutaten zu eigen machen. Allerdings ist der Film mich 140 Minuten dazu fast etwas zu kurz. Unter Tarantinos Regie hätten wir wohl einen mindestens dreistündigen Film bekommen. Zwar passt die Story auf einen Notizzettel und man müsste sich gar keine Mühe geben, besonders klein zu schreiben. Dennoch wirken viele der einzelnen Momente wie Zeitraffer-Versionen einer Tarantino-Szene. So dauert die Ermordung von Nates Eltern keine fünf Minuten. Wer „Inglorious Basterds“ kennt, der weiß, wie lange Tarantino in einer ähnlichen Anfangsszene die Spannung hochhalten kann.

Ähnlich wie im genannten Tarantino-Werk ist die Handlung von The Harder They Fall auch in einer Art Fantasy-Dimension der Realität eingebettet. Denn alle wichtigen Rollen spielen schwarze Schauspieler. Und das Drehbuch unterstellt, dass sie im Wilden Westen sogar eigene Städte haben und dort von Weißen als gleichwertig behandelt werden. Wer nun denkt, mit diesem Fall daher einen Western mit großen Rassismus-Thema zu bekommen, irrt aber. Bis auf eine Szene spielt das überhaupt keine Rolle. The Harder They Fall ist ein Rache-Drama, das sich nicht nur viel Story von den klassischen Sergio Leone-Western holt, sondern auch bei der Inszenierung dort Inspiration sucht. Und das passt, denn auch Tarantino hat sich bei Leone in vielen seiner Filme ausgiebig bedient.

Zazie Beetz

Nate braucht die Hilfe von Stagecoach Mary, seiner großen Liebe. Doch die ist nicht begeistert ihn zu sehen.

Schießereien im Leone-Stil

Der Stil des berühmten Regisseurs kommt hier vor allem bei den Nebenfiguren zum Tragen. Da ist der junge James (RJ Cyler), der ständig darüber redet, sich mit Cherokee Bill zu messen, um zu sehen, wer der schnellere Schütze ist. Oder der abgebrüht Pickett, der an einen Figur aus „Die glorreichen  Sieben“ erinnert. Und der beruht auf einem Film von Akira Kurosawa, den Tarantino ebenfalls sehr verehrt. Allerdings zeigen Samuel und Yakin auch, dass es eben nicht so einfach ist, die coolen und schrägen Dialoge eines Quentin Tarantino-Drehbuchs einfach mal zu kopieren. The Harder They Fall beinhaltet deutliche kürzere Gespräche als beispielsweise ein „Once Upon a Time in Hollywood“ – und sie sind auch nicht so auf den Punkt geschrieben.

Dennoch wäre es unfair, The Harder They Fall einfach als halbwegs gelungene Kopie eines Tarantino-Westerns zu sehen. Denn Samuel baut auch immer wieder kleine musikalische Einsprengsel ein und schlägt damit die Brücke zu seiner eigenen Karriere. Die sind allesamt kurz, aber stimmungsvoll und leiten die eine oder andere gute Szene damit atmosphärisch erst so richtig ein. Wenn die Gangster zu Reggae-Musik in die Stadt reiten, ist da schon ein Statement. Und die letzte halbe Stunde ist Samuels Film ganz klassisches Leone-Bleigewitter mit reichlich Blut und Leichen. Und die Autoren liefern dann sogar noch einen ordentlichen Twist ab, den man so wirklich nicht kommen sieht. Deshalb macht The Harder They Fall auch wirklich Laune, selbst wenn der Film im Mittelteil deutlich an Fahrt verliert und sich hier auch zu lang anfühlt.

Regina King

Mary gerät in die Fänge der fiesen Trudy. Kann sie die Begegnung überleben?

Große Stars in coolen Rollen

Das Spaßfaktor wird durch die starke Besetzung zusätzlich erhöht. Idris Elba ist nicht zum ersten Mal eine gelungene Besetzung für einen Schurken. Majors spielt den Helden mit genug Härte und Charme, um auch Zazie Beetz‘ Charakter immer wieder glaubwürdig um den Finger zu wickeln. Und die darf sich mit Regina King ein starkes Duell um die coolste Frauenrolle liefern, das Unentschieden endet. Und beachtlich wortgewandt, cool und fies ist Lakeith Stanfield als eiskalter Revolverheld in Diensten des Schurken. Falls sich Samuel tatsächlich an einem Tarantino-ähnlichen Film versuchen wollte, so ist er damit zwar gescheitert. Einen verdammt unterhaltsamen Film mit einem spektakulären Shoot-Out im Finale hat er aber trotzdem abgeliefert.

Fazit:

Mit The Harder They Fall versucht Regisseur und Co-Autor Jeymes Samue,l die Coolheit und und Dialoglastigkeit eines Tarantino-Films mit dem klassischen Italo-Western-Flair eines Sergio Leone-Klassikers zu kreuzen. Und das macht er gar nicht mal schlecht. Auch wenn die Dialoge nicht an Tarantinos Brillanz herankommen und Samuel sich nicht traut, minutenlang nur Augenpaare zu zeigen, so ist das Gesamtergebnis dennoch sehr unterhaltsam geworden. Das liegt neben der edlen Besetzung, die mit viel Spaß ihre Rollen ausfüllen auch am furiosen Showdown der letzten halben Stunde. Und einem ordentlichen Twist im Finale. Zwar hätte The Harder They Fall gern in der Mitte ein wenig gestrafft werden können, aber Fans werden mit diesem Fantasy-Western sicher trotzdem eine Menge Freude haben.

The Harder They Fall startet am 3. November bei Netflix.

Weitere Kritiken zu Netflix-Filmen gibt es hier.

The Harder They Fall

Klassischer Showdown? Endlich stehen sich Nate und Buck gegenüber.

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