The Boys

Serienkritik: The Boys

Was passiert, wenn ein Comic-Autor bei einem der großen amerikanischen Comic-Verlage arbeitet, aber Superhelden auf den Tod nicht ausstehen kann? Er ignoriert sie, wie Garth Ennis es bei seiner preisgekrönten Serie „Preacher“ tat. Oder er demontiert sie so sehr es nur geht, wie es der Ire bei „The Boys“ machte. Die Comic-Serie ist ein explizites Blutbad mit sehr freizügigen Sex-Szenen und viel schwarzem Humor. Haben es diese Zutaten auch in die Serie geschafft, die jetzt bei Amazon Prime startet?

Garth Ennis war nie ein Freund subtiler Töne. Das zeigte er schon in Preacher, dessen TV-Umsetzung lediglich einen kleinen Teil der abgedrehten Story erzählte – und mit Staffel vier deutlich zu früh endet. Mit seiner zweiten abgeschlossenen Story The Boys schoss er sogar derart deutlich und respektlos gegen DCs Superheldengruppe „Justice League“, dass der Verlag die Serie nach sechs Ausgaben nicht weiter veröffentlichen wollte. Und Ennis zum kleinen Verlag Dynamite Comics wechselte. Sind diese Respektlosigkeiten auch in der TV-Adaption erhalten geblieben?

The Boys
The Seven: Starlight, The Deep, Translucent, Queen Maeve, Black Noir, A-Train und der Homelander sind die beliebtesten Helden der Welt.

The Boys: Die Handlung

Eigentlich ist Hughie (Jack Quaid, Sohn von Dennis Quaid und Meg Ryan) ein großer Fan des Superhelden-Teams „The Seven“ um den fast gottgleichen Anführer The Homelander (Antony Starr). Doch als er mit ansehen muss, wie Seven-Mitglied A-Train mit seinem Supertempo Hughies Freundin quasi pulverisiert, beginnt der junge Mann langsam, anders über die vom Vought-Konzern finanzierten Superhelden zu denken. Vought, geleitet von der undurchschaubaren Madelyn Stillwell (Elizabeth Shue), bietet ihm lediglich eine kleine Entschädigung.

Da begegnet Hughie dem geheimnisvollen Billy Butcher (Karl Urban), der keinen Hehl daraus macht, wie sehr er The Seven hasst. Und der mit ein paar Mitarbeiten – den Boys – heimlich versucht, den Ruf und wenn möglich das Leben von Superhelden zu ruinieren und zu beenden. Von Gedanken an Rache beseelt, erklärt sich Hughie bereit, dem Club beizutreten und beim Ausschalten der offenbar außer Kontrolle geratenen Superhelden zu helfen. Angesichts der Fähigkeiten ihrer Gegner ist das allerdings ein lebensgefährlicher Job …

The Boys: Mehr Tempo

Wennn man die beiden Serien Preacher und The Boys vergleicht, was legitim ist, da beide vom selben Autor stammen und vom gleichen Team produziert werden, dann wird schnell deutlich, dass die Produzenten Seth Rogan und Evan Goldberg aus der Preacher-Erfahrung gelernt haben. Während die erste Staffel dort reichlich langsam begann und sich extrem viel Zeit für überschaubar viel Story ließ, treten die Macher bei The Boys das Gas deutlich stärker durch. In acht Folgen packt die neue Serie viel mehr Story als Preacher in zehn.

Und die hat es in sich. Denn so deutlich wie hier wurden Superhelden noch nie attackiert. Homelander und seine Seven sind, bis auf eine Ausnahme, alles neurotische, selbstverliebte Psychopathen, die ihr Leben ohne Sex und Drogen kaum aushalten. Und die den Boys daher ein sehr nachvollziehbares Motiv für ihre Taten liefern. Dass die alles andere als zimperlich vorgehen, wird niemanden wundern, der mit den Arbeiten von Garth Ennis vertraut ist oder zumindest Preacher mal gesehen hat.

The Boys
Nach dem Tod von Hughies Freundin wirbt Billy Butcher den zornigen jungen Mann für die Boys an.

Nachvollziehbarer Ärger

Ennis ist mit seiner Kritk im Comic auch derart deutlich, dass die Reaktion von DC verständllich ist, The Boys nicht weiter zu verlegen. Zwar ist der Homelander optisch eher Captain America als Superman, obwohl er hauptsächlich die Fähigkeiten des Kryptoniers besitzt. Aber Queen Maeve (Wonder Woman), A-Train (The Flash), The Deep (Aquaman) und Black Noir (Batman) sind derart deutlich an die DC-Helden angelehnt, dass die Verlagsentscheidung nicht wirklich verwundert. Mehr Demontage der beliebten Helden geht eigentlich nicht.

Die TV-Serie nimmt diesen Ansatz nahezu unverändert auf und zeigt das Heldenteam als Haufen degenerierter und oftmals auch richtig dummer „Supes“, wie sie in der Serie genannt werden, die zwar über Kräfte verfügen, damit oftmals aber überhaupt nicht umgehen können. Hier ist vor allem Antony Starr als Homelander hervorzuheben, der den Psychopathen, der unter der Helden-Oberfläche lauert, ganz großartig verkörpert und dem Zuschauer ständig das Gefühl vermittelt, er könnte jeden Moment etwas unglaublich Böses tun – einfach, weil er es kann.

The Boys: Starker Cast

Und auch Elizabeth Shue als Konzernchefin, die aus den höchst instabilen Supes das Maximum an Kapital herausschlägt, ist in ihrer freundlichen Bösartigkeit absolut sehenswert. Da haben die Boys-Darsteller harte Gegner in der Gunst des Publikums bekommen. Allerdings sind auch die beiden Hauptfiguren der Boys mit Jack Quaid und Karl Urban ausgezeichnet besetzt. Der Neuseeländer spielt den grimmigen und ewig fluchenden Butcher dem Comic-Original erstaunlich ähnlich. Und Quaid verleiht dem eigentlich netten jungen Mann mit Rachewunsch die nötige und glaubwürdige Tiefe.

Der Rest ist ebenfalls mindestens solide, wobei Erin Moriarty als einzige positiv besetzte Heldin Starlight noch ein Sonderlob gebührt. Sie spielt diese Schlüsselrolle der Story mit genau der richtigen Portion Naivität und Herz, dass ihre Erlebnisse den Zuschauer wirklich treffen und die Serie vom reinen Splatter-Spaß mit tiefschwarzem Humor abheben. Und Simon Pegg, im Comic optisches Vorbild von Hughie, hier als Hughies Vater zu besetzten, ist einfach schön. Aber auch die Schauspieler können ein paar der falschen Entscheidungen nicht korrigieren, die vom Produzententeam getroffen wurden.

The Boys
Denn Homelander, mächtigster Superheld der Erde, ist ein eiskalter Psychopath und Killer, der über Leichen geht.

The Boys: Nicht alle Preacher-Fehler ausgemerzt

Wie bei Preacher haben die Macher auch hier einige wichtige Elemente der Story verändert. Einige funktionieren sehr gut. So sind die Seitenhiebe auf Marvels Superhelden-Filmerfolge und das Ausbeuten der erfolgreichen Franchises sehr gut gelungen. Aber dass sich Rogan und Goldberg erneut nicht an die vorgegebene Story halten und sie eher als Basis für eigene Ideen nutzen, wird nicht jedem Comic-Leser gefallen. Auch wenn ein paar Änderungen zugunsten des guten Geschmacks durchaus nachvollziehbar sind.

Wie zu erwarten war, hält sich The Boys bei Sexszenen deutlich mehr zurück als der Comic. Immerhin ist es noch eine US-Serie. Die Gewalt ist dagegen ebenso übertrieben und grotesk eingebaut wie bei Preacher. Dass aber ein paar wirklich wichtige Aspekte der Hauptstory (noch) fehlen, schlägt schon stärker ins Gewicht. Ob die dazu gedichteten Handlungsstränge wirklich passen, muss die mit einem satten Cliffhanger endende Serie in einer bereits georderten zweiten Staffel erst noch beweisen. Dennoch: The Boys Staffel 1 ist deutlich besser als Preacher Staffel 1.

Fazit:

Gart Ennis‘ bitterböse Abrechnung mit Superhelden und deren Vermarktung durch skrupellose Konzerne setzen Seth Rogan und Evan Goldberg als Produzenten von The Boys gut um. Und bleiben dem Original in Tonalität und expliziter Gewalt stets sehr nahe. Ob aber die neu hinzugefügten Handlungsstränge wirklich mit den Ideen von Ennis konkurrieren können, bleibt abzuwarten. Zumindest ist die erste Staffel bereits überzeugender als der TV-Start von Ennis‘ Meisterwerk Preacher, das vom selben Team stammt.

The Boys startet am 26. Juli 2019 bei Amazon Prime.

Wie töten man einen unsichtbaren, unverwundbaren Superhelden? Billy Butcher hat da eine Idee.