Netflix hat schon vor längerer Zeit verkündet, ihr Programm internationaler gestalten zu wollen. Dazu gehört für die Kalifornier auch, mehr Inhalte aus kleineren Ländern zu bestellen, um die dortige Bevölkerung mit bekannten Gesichtern und Stoffen zu unterhalten. Mit “Into the Night” ist nun auch unser Nachbarland Belgien unter die Serienproduzenten gegangen. Und schlägt einen ähnlichen Weg ein wie vor ihnen schon die Dänen mit “The Rain”. Wie gut ist die Apokalypse-Version aus dem Land der Waffeln und Fritten geworden?

Weltuntergang ist angesagt! Dänemark packte einen todbringenden Virus in den namensgebenden Regen, Sky ließ vor einigen Monaten in “Acht Tage” einen Meteor auf Europa fallen. Und Belgien macht nun die Sonne zum tödlichen und unbesiegbaren Gegner der Menschheit. In knackig-kurzen sechs Teilen ließ Netflix den Serienmacher Jason George (“Der nackte Regisseur”, “Dschinn”) die Story vom möglichen Ende der Zivilisation erzählen – und holt dabei aus engem Raum ein Maximum an Handlung heraus. Aber ist die auch gut?

Into the Night

Der italienische Soldat Terenzio weiß etwas, was sonst keiner weiß – und will Brüssel unbedingt Richtung Westen verlassen.

Into the Night: Die Handlung

Aufgeregt versucht der italienische Soldat Terenzio (Stefano Cassetti), auf dem Brüsseler Flughafen in ein Flugzeug zu gelangen. Schließlich erpresst er sich mit Waffengewalt einen Weg in die Maschine, die in bald nach Moskau abheben soll. Weil das Boarding aber noch nicht offiziell begonnen hat, befinden sich nur wenige Passagiere an Bord. Darunter ein kleiner Junge mit seiner Mutter und ein alter Mann mit seiner Pflegerin. Dazu kommen der Copilot Matthieu (Laurent Capelluto), eine Stewardess und einige Männer vom Bodenpersonal. Als der Soldat eindringt, kommt es zum Kampf.

Dabei schießt Terenzio Matthieu in die Hand. Dennoch verlangt er, dass das Flugzeug sofort abhebt – und zwar in Richtung Westen. Weil die Ex-Soldatin Sylvie (Pauline Etienne) an Bord ist, die Hubschrauber fliegen und somit dem Piloten helfen kann, gelingt der Start. In der Luft klärt Terenzio die beiden Piloten über seine Tat auf. Er ist bei der Nato stationiert und bekam dort zufällig mit, dass sich die Strahlung der Sonne verändert haben soll. Wer einen Sonnenaufgang sieht, wird sterben. Die einzige Chance: mit dem Flugzeug immer in die Nacht fliegen …

Into the Night: Gute Bilder zum Untergang

Wie bei jeder Sci-Fi-Story, die sich mit dem Untergang der Erde beschäftigt, braucht man entweder ein großes Budget, um die Bedrohung in ihrem ganzen Ausmaß zu zeigen – oder gute Ideen. Geld für massenhaft Hollywood-reife Effekte hatten die Macher von Into the Night nicht zur Verfügung, also mussten andere Bilder her, um die Katastrophe zu visualisieren. Und die Szenen mit einem Krankenhausflur voller toter Körper oder brennenden Landebahnen aus dem Cockpit beobachtet, erfüllen ihren Zweck recht gut, ohne die große Apokalypse zu zeigen. Das erinnert ein wenig an “Krieg der Welten”, die im vergangenen Jahr zu sehen war.

Auch die in einem Flugzeug erwartbare Mischung aus Menschen verschiedenster Herkunft bildet Into the Night gut ab. So finden sich natürlich ein paar Russen in der Maschine nach Moskau, dazu ein Türke, ein Marokkaner, einige Belgier und ein Pole. Das führt zu sprachlichen Problemen, die in der Serie auch glaubhaft wiedergegeben werden. Die Verständigung ist in einer solchen Stress-Situation ebenso wichtig wie schwierig, das macht Into the Night mehr als deutlich. Damit läutet die Serie aber auch eine ihrer Schwächen ein.

Into the Night

Bloggerin Inez sieht kurz vor dem Abflug auf ihrem Smartphone beunruhigende Bilder. Was passiert auf der Welt?

 

Into the Night: Zu viel Testosteron

Denn viele der Charaktere sind zwar durchaus glaubwürdig, dass es aber in einer solchen Situation tatsächlich derart viel unwidersprochenes Alpha-Männchentum geben könnte wie hier, ist doch recht schwer zu glauben. Vor allem die Rolle des Terenzio nervt mit jeder Folge mehr. Allerdings ist er nicht die einzige Figur, der das Publikum nur wenig Sympathie entgegenbringen dürfte. Katastrophen-Szenarien funktionieren aber nur dann richtig gut, wenn der Zuschauer mit den Figuren mitfiebert, weil er sie mag – zumindest einige davon. Das wird hier eng.

Denn im Bemühen, jeder der sechs Figuren, die eine eigene Schwerpunkt-Folge bekommen, einen möglichst komplexen Charakter zu erschaffen, kommen auch dunkle Seiten zutage. Und die Zeit reicht kaum, um sie trotzdem zu Helden ihrer Geschichte zu machen. Das weist Parallelen zur Netflix-Serie “Back Summer” auf, in der die Charakterzeichnung jedoch ein wenig besser gelang als hier. Als Beispiel dient hier der deutsche Schauspieler Mehmet Kurtulus, der als zwielichtiger Geschäftsmann eine nur wenig glaubhafte Läuterung durchmacht.

Was Into the Night allerdings sehr gut gelingt, ist das Aufrechterhalten einer ständigen akuten Bedrohung der Überlebenden im Flugzeug. Immer passiert etwas Unerwartetes oder Schlimmes, das die Gruppe wieder vor schier unlösbare Probleme stellt, Was den Autoren hier für sechs Folgen eingefallen ist, kann sich durchaus sehen lassen. Und so ist die kurze Serie (die Folgen sind meist etwa 35 Minuten lang) zwar sicher nicht die innovativste Dystopie der vergangenen Monate, aber dafür sehr kurzweilig und durchgehend unterhaltsam,

Fazit:

Into the Night erfindet in Sachen Weltuntergang das Rad nicht neu. Und auch die wenig sympathischen Hauptfiguren machen Zuschauern das Mitfiebern nicht immer leicht. Dafür bemüht sich die Serie aber um Charaktere mit Tiefgang statt Archetypen und hält ihre Protagonisten über die sechs Episoden ständig unter Strom. Wer sich auch für Serien wie Black Summer oder Krieg der Welten begeistern konnte, sollte hier ruhig mal einen Blick riskieren. Die belgische Produktion ist kein Highlight, aber durchaus ansehnlich geworden, mit Luft für eine Fortsetzung.

Into the Night läuft ab dem 1. Mai 2020 bei Netflix.

Gesehen: Sechs von sechs Folgen. Die Serie hat deutsche Sprachausgabe.

Into the Night

Ex-Soldatin Sylvie und Pilot Matthieu übernehmen das Kommando über die Maschine. Doch das passt nicht jedem an Bord.

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