American Son

Filmkritik: American Son

Das mediale Format, das wohl am wenigsten für Film-Adaptionen genutzt wird, ist das Theaterstück. Während Shakespeare-Werke noch hin und wieder zum Film werden, wie beispielsweise „The King“, sind moderne Dramen nur selten in einer Kinofassung zu sehen. „American Son“ ist ein Broadway-Stück, das nur in einem einzigen Raum spielt und nur vier Personen beinhaltet. Kann die Umsetzung eines solchen Kammerspiels trotzdem sehenswert sein?

Netflix hat sich in der jüngeren Vergangenheit nicht nur ab und zu mit Arthouse-Kino beschäftigt, um vielleicht einmal einen Oscar zu gewinnen. Auch politische Themen waren immer wider Kernstück von Serien der Filmen. Eines dieser Themen war der Rassismus, den Netflix beispielsweise mit der Mini-Serie „When They See Us“ anprangerte. Auch American Son beschäftigt sich mit diesem Thema, geht aber andere Wege als die Serie. Wie gut ist der Film des hauptsächlich am Theater arbeitenden Regisseurs Kenny Leon?

American Son
Mitten in der Nacht erscheint Kendra auf dem Revier, weil ihr Sohn Jamal verschwunden ist.

American Son: Die Handlung

Die Afro-Amerikanerin Kendra (Kerry Washington, „Django Unchained“), eine Psychologin, sitzt am Ende einer Nacht in einem Polizeirevier in Miami und sucht nach Spuren ihres Sohnes Jamal, der seit einigen Stunden verschwunden ist. Während sie auf ihren weißen Noch-Ehemann Scott (Steven Pasquale), einen FBI-Agent, wartet, redet sie immer wieder mit dem jungen Cop Larkin (Jeremy Jordan, „Supergirl“), der aber offenbar keine Kenntnis vom Verbleib ihres Sohnes hat und sie auf den PR-Kollegen vetröstet, der bald kommen soll. Kendra verzweifelt immer mehr an den Fragen des Cops.

Denn der macht kaum einen Hehl daraus, dass er Jamal für ein Gang-Mitglied hält – es geht ja schließlich um einen Schwarzen. Als Scott ankommt, hält Larkin ihn irrtümlich für den PR-Kollegen, den er noch nicht persönlich kennengelernt hat und gibt plötzlich bereitwillig Auskunft darüber, was er tatsächlich weiß. Zu spät merkt er, dass es sich bei Scott um den Vater des Jungen handelt. Denn nun wissen die Eltern, dass es tatsächlich einen Vorfall gegeben hat, in den Jamal verwickelt gewesen ist …

American Son: Intensives Drama

Autor Christopher Demos-Brown, der nicht nur das Stück, sondern auch das Script für den Film schrieb, seziert in seiner Geschichte, wie sehr das Leben in den USA vom allgegenwärtigen Rassismus durchdrungen ist. So sehr, dass er sich sogar in die Ehe zwischen einem irisch-stämmigen Weißen und einer Afro-Amerikanerin einen Weg bahnt – und nicht wieder verschwindet. Demos-Brown nutzt geschliffene Dialoge und gelungene kleine Monologe der Figuren, um zu zeigen, wie weit Schwarz und Weiß noch immer auseinander liegen.

Dabei macht sich Demos-Brown die Sache aber nie leicht. So zeigt er auf, wie sehr sich ein bestimmtes Verhalten bereits in Teile der afro-amerikanischen Bevölkerung gefressen hat, dass für Eskalation sorgen kann. Genauso aber entblößt er den scheinbar so korrekten Gatten und FBI-Mann als latenten Rassisten. Der eben auch bestimmtes Verhalten bei seinen Cop-Kollegen billigt, wie falsch es auch sein mag. Schonungslos zeigt Demos-Brown bei einer sehr zurückgenommenen Regie von Kenny Leon auf, wie tief das Problem sitzt.

American Son
Doch so sehr Kendra auch bittet, sie erhält keine Informationen über ihren Sohn.

American Son: Grandios gespielt

Kerry Washington spielt die Schlüsselrolle der besorgten Mutter, mit der die Zuschauer in jeder Minute mehr mitleiden, absolut mitreißend. Ihrer wachsende Verzweiflung angesichts der sich bald abzeichnenden Möglichkeiten, was passiert sein könnte, wird durch sie so nachvollziehbar und emotional packend, dass man sich ihrem Spiel kaum entziehen kann. Steven Pasquale setzt als Ehemann die dazu passenden Akzente ebenfalls beeindruckend gut. Jeremy Jordan ist als junger Cop mit Rassismus-Tendenzen eine positive Überraschung.

Das Trio treibt sich gegenseitig zu großartigen Momenten der Schauspielkunst. Bis im letzten Akt des Films mit dem schwarzen PR-Cop Stokes (Eugene Lee) ein Katalysator auftaucht, der durch seine nüchterne und gnadenlose Art nochmal einen gänzlich anderen Ton in den Film bringt. Und als schwarzer Cop, der zwischen den Stühlen sitzt, auch inhaltlich nochmals neue Aspekte der Geschichte aufzeigt. Ein brillant geschriebenes Stück, das bei Netflix als ebensolches Kammerspiel verfilmt wurde.

Allerdings ist das ein Film für Zuschauer, die gern ins Theater gehen oder sich zumindest für kammerspielartige Stoffe begeistern können. Außer den Schauspielern gibt es hier nichts zu sehen, außer großartigen Dialogen nichts zu hören. Wer so etwas mag, bekommt ein erschütterndes Zeugnis des ständig vorhandenen Rassismus in den USA. Dessen Übertragung auf deutsche Verhältnisse nach jüngsten Ereignissen hier gar nicht so schwer fällt. Weil die Argumente von Rassisten sich weltweit nur wenig unterscheiden.

Fazit:

American Son ist eine großartige Umsetzung des gleichnamigen Theaterstückes, in der nicht nur die vier Schauspieler glänzen, sondern Autor Christopher Demos-Brown auch den Rassismus in all seinen Daseinsformen entlarvt. Der bis in die Ehe zwischen zwei Menschen reicht. Als reiner Unterhaltungsfilm eignet sich American Son dagegen nur bedingt. Hier kommen eher Theaterfreunde und klassische Bildungsbürger auf ihre Kosten als Netflix-Nutzer, die nach einem netten Film für den Wochenend-Abend suchen.

American Son startet am 1. November 2019 bei Netflix.

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American Son
Erst als Kendras weißer Ehemann Scott auftaucht, beginnt der junge Cop zu reden.