Zwei Paare, ein abgeschiedenes Haus und mehr Probleme, als alle zugeben wollen. Aus dieser Vorgabe ist bereits großes Kino entstanden, wie beispielsweise „Wer hat Angst vor Virginia Woolf“. Autor Edward Albee gewann dafür einen Grammy, die Verfilmung mit Elizabeth Taylor und Richard Burton staubte fünf Oscars ab. Die Konstellation ist identisch, allerdings hinkt der Vergleich zur deutschen Netflix-Produktion „Du Sie Er und Wir“ ein wenig, da der Film eindeutig eine Komödie sein möchte und keine Tragödie. Ob es hier wirklich etwas zu lachen gibt oder der Film doch eher ein Rohrkrepierer ist, klärt die Kritik.

Du Sie Er und Wir

Maria und Ben erreichen das Wochenendhaus, in dem sie einiges zu klären haben.

Die Handlung

Zwei Paare machen sich am Freitag Nachmittag auf den Weg zur Küste. Die aufstrebende Journalisten Janina (Nilam Farooq) und der Makler Nils (Jonas Nay) fahren gemeinsam zum Wochenendhaus von Nils‘ Vater. Janinas beste Freundin Maria (Paula Kalenberg) und der Schauspieler Ben (Louis Nitsche) erwarten die beiden bereits. Allerdings sind eigentlich Maria und Nils sowie Janina und Ben die Paare. Vor vier Wochen haben die Vier aus einer Laune heraus einen Partnertausch vorgeschlagen, der nun endet. Dabei gab es klare Regeln, die wichtigste davon: kein Sex! Allerdings machen Maria und Ben schnell den Eindruck, als hätten sie diese Regel nicht beachtet.

Eigentlich will das Quartett nach einem guten Abendessen besprechen, wie die Zeit in der neuen Konstellation abgelaufen ist, doch Nils sieht seiner Freundin bereits vorher an, dass da etwas im Busch ist. Und macht sich aus verletztem Stolz einen Spaß daraus, beim Essen die ganze Zeit zu sticheln. Die Lage eskaliert gründlich, was auch daran liegt, dass ein positiver Schwangerschaftstest im Bad gefunden wird, der augenscheinlich Janina gehört. Hat ihr Freund sie betrogen, obwohl sie bereits ein Kind von ihm erwartet? Als sie diese Konstellation noch nicht kompliziert genug, offenbaren sich bald weitere unangenehme Wahrheiten in der Beziehung des Quartetts. Hat die Liebe hier noch eine Chance?

Hin und wieder witzig

Ein Haus, vier Personen – da ist klar, dass sich das Drehbuch hauptsächlich auf geschliffene Dialoge und mögliche Situationskomik verlassen muss, um Lacher zu erzeugen. Regisseur und Drehbuch-Co-Autor Florian Gottschick, bisher vor allem in TV-Serien tätig, dürfte um die Herausforderungen also gewusst haben. Klar wird auch schnell, dass es bei Du Sie er und Wir nicht um Schenkelklopfer-Humor oder Fäkal-Lacher geht, sondern angesichts des durchaus auch ernsten Themas eher im gehobenen Wortwitz, bissigen One-Linern und überraschenden Situationen angesiedelt sein muss. Und genau das hat Gottschick mit seinem Co-Autor Florian von Bornstädt auch versucht. Leider bleibt es oft beim Versuch.

Du Sie Er und Wir erinnert durch die Konstellation an Kinohits wie „Der Nachname“, erreicht aber zu keinem Zeitpunkt dessen Qualität. Das liegt in erster Linie am Script. Zwar sitzen gelegentlich mal One-Liner wirklich gut, vor allem dem Charakter Nils schreiben die Autoren ein paar wirklich witzige Kommentare auf den Leib, aber insgesamt fehlt in der letztlich arg harmlosen Komödie schlicht ein wenig Biss. Ein weiteres Problem des Drehbuchs ist die fehlende Homogenität. Zwar sind einige Szenen durchaus gelungen, aber der Übergang zwischen den einzelnen Handlungsteilen wirkt oft holprig und unglaubwürdig. Warum die Vier beispielsweise nach dem schlimmen Abendessen überhaupt im Haus bleiben, obwohl zwei Autos vor der Tür stehen – solche Antworten bleibt die Story schuldig.

Nilam Farooq

Denn eigentlich und Janina und Ben ein Paar. Aber sind sie das noch?

Opfer oder Täter?

Was Gottschick und von Bornstädt hingegen gut hinbekommen, ist das Kippen der Figuren von Opfern zu Tätern – oder andersherum. So werden im Lauf der Geschichte aus den vermeintlich Betrogenen selbst Charaktere mit mindestens zweifelhaften Entscheidungen, was Freunde und Beziehung angeht. So ist der vermeintlich coole Arsch doch etwas anders als gedacht, die schlimm gedemütigte Freundin gar nicht so unschuldig, wie sie tut. In diesen Momenten funktioniert Du Sie Er und Wir richtig gut. Leider sind sie zu selten, um den ganzen Film in den grünen Bereich zu bringen. Denn weite Teile des ohnehin kurzen Films sind weder witzig, noch anderweitig sonderlich unterhaltsam, auch wenn Gottschick immerhin gute Einsatzmöglichkeiten für Split-Screen-Szenen findet.

Den Schauspielern kann man dabei eigentlich keinen Vorwurf machen. Jonas Nay spielt die interessanteste Figur des Quartetts mit schöner Kühle und Überheblichkeit, ohne deshalb zu unsympathisch zu werden. Louis Nitsche hat seinen weichen, aber doch berechnenden Ben gut im Griff. Und die beiden Frauenrollen sind ebenfalls glaubhaft und gut gespielt. Aber aus wenig inspirierten Dialogen lässt sich manchmal eben nicht mehr machen, als einen durchschnittlichen Film. Genau das ist bei Du Sie Er und Wir auch passiert. Fans der Schauspieler sollten aufgrund der starken Präsenz aller vier Darsteller natürlich einschalten. Der Film trägt aber weder inhaltlich noch mit einer besonderen Szene zur Erweiterung der Beziehungskomödie aus Deutschland bei. Das kennt man alles – und meist besser.

Du sie er und wir

Denn Janina hat die vergangenen vier Wochen mit Marias Freund Nils verbracht.

Fazit:

An der deutschen Netflix-Komödie ist der Titel Du Sie er und Wir noch das Originellste. Obwohl die Drehbuchautoren, von denen Florian Gottschick auch als Regisseur in Erscheinung trat, durchaus ein paar gute Momente schaffen, bleibt der Großteil der Story beliebig und wenig packend. Lediglich bei der Entwicklung der Figuren leisten Gottschick und sein Partner Florian von Börnstedt gute Arbeit. Denn wer hier wirklich Opfer und wer Täter ist, damit spielt das Script gekonnt. Vielleicht wäre mit etwas mehr Überarbeitung sogar eine kleine Perle der deutschen Beziehungskomödie herausgekommen, so ist Du Sie er und Wir leider ein sehr durchschnittliches Filmerlebnis.

Du Sie Er und Wir startet am 15. Oktober 2021 bei Netflix.

Mehr Kritiken zu Netflix-Filmen gibt es hier.

Du sie er und wir

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