Pünktlich zu Halloween endete in den USA die Serie „Chapelwaite“, die auf einer Kurzgeschichte von Stephen King beruht. „Briefe aus Jerusalem“, wie die Story auf deutsch heißt, erschien bereits 1978 in Kings erster Geschichten-Sammlung „Nachschicht“ und eröffnet diesen für viele Fans noch immer besten Kurzgeschichten-Band des inzwischen 74-jährigen Horror-Großmeisters. Und wie schon sein Roman „Brennen muss Salem“ (1975) stellt auch die Short-Story eine Verbeugung vor Bram Stokers „Dracula“ dar. Im Roman beschreibt King eine moderne Version des Vampirangriffs auf eine Stadt, in Briefe aus Jerusalem nutzt er Stokers Erzähltechnik des Brief-Romans für seine Geschichte. Kann die Serien-Adaption Chapelwaite King-Fans zufriedenstellen? Das klärt die Kritik.

Adrien Brody

Als Charles Boone mit seinen Kindern das Familienanwesen Chapelwaite bezieht, ist der Empfang nicht sonderlich herzlich.

Die Handlung

Kapitän Charles Boone (Adrien Brody) muss seine Frau, die ihm drei Kinder gebar, auf hoher See bestatten. Sie fiel einer Krankheit zum Opfer. Daraufhin beschließt er, mit seiner ältesten Tochter Honor (Jennifer Ens), der verschlossenen, gehbehinderten Loa (Serena Gulamgaus) und dem kleinen Tane (Ian Ho) ins Dorf Preacher’s Corner in Neu-England zurückzukehren, wo seine Familie einen Landsitz namens Chapelwaite und ein Sägewerk besitzt. Nach dem überraschenden Tod seines Onkels, seines Cousins und dessen Tochter steht das Haus leer und gehört von Rechts wegen ihm. Charles will mit seinen Kindern dort neu anfangen. Und ein florierendes Geschäft aufbauen, um sich und seinen Kindern den Schmerze des Verlustes ein wenig zu erleichtern.

Doch die Einwohner des Ortes begegnen ihm und seiner Familie mit unverhohlener Abneigung. Sie machen die Boones für eine geheimnisvolle Krankheit verantwortlich, die seit einiger Zeit vor allem Mädchen und Frauen dahinrafft. Und es interessiert sie wenig, dass Charles lange Jahre auf hoher See gelebt hat und mit dieser Sache eigentlich gar nichts zu tun haben kann. Als auch seine Kinder von den Einwohnern angegriffen werden, ist für Charles das Maß aber voll. Lediglich die Gouvernante Rebecca Morgan (Emily Hampshire), die Boone eingestellt hat und die aus Preachers’s Corner stammt, kann eine totale Eskalation verhindern. Doch bald muss auch Charles einräumen, dass mit Chapelwaite etwas nicht stimmt. Es scheint riesige Ratten in den Wänden zu geben. Und vielleicht auch noch etwas anderes …

Werkgetreue Umsetzung

Kings Story Briefe aus Jerusalem ist nicht nur ungewöhnlich geschrieben, sondern für eine Kurzgeschichte auch ungewöhnlich lang, um die 50 Seiten. Dennoch wissen Fans des Autors: Viele der Verfilmungen seiner kurzen Storys bieten eigentlich nicht einmal genug Stoff für einen 90-minüten Spielfilm, geschweige denn für eine Serie. Und trotzdem hat der zu MGM gehörende Streaming-Dienst Epix nun eine zehnteilige Serie aus dem Stoff gemacht. Kann das funktionieren? Abgesehen von genau den Schwächen, die man bei einem solchen Projekt auch erwarten würde – ja! Denn das Autoren- und Brüder-Duo Peter und Jason Filardi lassen in Chapelwaite eine Welt zum Leben erwachen, in der Leser der Story vieles wiedererkennen.

Tatsächlich hält sich die Umsetzung des Stoffes recht eng an die Vorlage und liefert, wenn auch manchmal in etwas abgewandelter Form, die Inhalte der Kurzgeschichte auch in der Serie. An einigen Stellen erweitern die Autoren auch das Original, allerdings stets auf sinnvolle Art und Weise, die King vermutlich gefallen dürfte. Denn auch die aufgebohrte Version des Stoffes bleibt immer dem Geist der Vorlage treu. Und damit ist aus Sicht der sorgfältigen Umsetzung Chapelwaite eine der besten Serien, die je nach Material von Stephen King entstanden sind. Wer die Story mochte, wird auch die Serie zumindest in Ordnung finden. Die macht zwar vieles richtig, hat aber einen Grundfehler.

Chapelwaite

Die Einwohner des Ortes glauben, die Boones seien verflucht. Nur Rebecca Morgan hat keine Angst und wird Gouvernante im Haus.

Kein Serienstoff

Zu den Dingen, die Chapelwaite definitiv richtig macht, gehört das Engagement von Adrien Brody. Der Oscar-Preisträger beherrscht seinen Job und spielt hier den von Trauer und Angst zerrütteten Hauptcharakter Charles Boone mit viel Gefühl und einem guten Gespür für die richtige Menge an Fassungslosigkeit gegenüber dem schleichenden Grauen, sodass es dem Zuschauer schwer fällt, nicht zumindest Mitleid mit ihm zu empfinden. Zudem ist die Rolle auch sehr gut geschrieben, ihre Taten jederzeit nachvollziehbar, die Worte passend. Für Fans des Schauspielers lohnt schon deshalb das Einschalten. Zweiter großer Pluspunkt ist die gute Ausstattung und die damit zusammenhängende starke Atmosphäre der Serie. Chapelwaite nimmt man die 1850er jederzeit ab, weil hier einfach alles gut zusammenpasst.

Die einzige, wirkliche Schwäche der Serie ist somit die, die Leser der Story bereits erwarten konnten: Sie ist schlicht zu lang. Zwar bauen die sechs verschiedenen Regisseure der Staffel die Atmosphäre und Spannung gut auf und der Gothic-Novel-Touch ist überaus gelungen. Aber die Geschichte wird derart gemächlich erzählt, um die zehn Episoden zu füllen, dass es immer wieder Momente gibt, die ein wenig langweilen, weil sie erneut Dinge zeigen und erzählen, die das Publikum eigentlich schon längst weiß. Die Trippelschrittchen, die man dem Zuschauer hier zum Teil zumutet, machen Chapelwaite ein wenig schwächer, als die starke Story das eigentlich erwarten lässt. Hier hätten etwas weniger Episoden der Erzählung garantiert mehr Schwung verliehen.

Chapelwaite

Bald findet Charles heraus, welche dunkle Macht in der Gegend ihr Unwesen treibt. Er beschließt, den Kampf aufzunehmen.

Mit blutigen Szenen hält sich sich die Serie dafür weitgehend zurück. Und setzt mehr auf die Phantasie des Zuschauers als auf explizite Bilder. Dennoch ist Chapelwaite nicht unbedingt etwas für ganz Zartbesaitete, denn so ganz ohne Schocks und Blut geht es bei einer Stephen King-Verfilmung natürlich nicht ab.

Fazit:

Mit Chapelwaite machen die Autoren Peter und Jason Filardi vieles richtig. Die Atmosphäre wird mit jeder Folge unheimlicher und bedrückender. Das Grauen hält langsam Einzug in das Haus der Protagonisten und das Dorf in der Nähe. Dazu trägt die feine Ausstattung ebenso bei wie das gute Spiel der Darsteller, allen voran Adrien Brody als gegen den Wahnsinn kämpfenden Helden der Story. Das manchem Zuschauer die Serie dennoch nicht gefallen wird, liegt an einer offensichtlichen Schwäche. Selbst wenn man noch gute Inhalte hinzufügt, wie es den Filardis gelungen ist, lässt sich aus 50 Seiten Vorlage keine Serie mit zehn Episoden machen, wenn man die nicht sehr langsam erzählt. Für harte King-Fans ist Chapelwaite dennoch eine absolute Empfehlung.

Chapelwaite startet am 11. November 2021 bei Magenta TV.

Chapelwaite

Auch in Preacher’s Corner sind die Einwohner bedroht und wehren sich nach Kräften. Haben sie eine Chance?

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