Bigbug

Filmkritik: Bigbug

Der französische Regisseur und Drehbuchautor Jean-Pierre Jeunet wurde zusammen mit seinem damaligen Partner Marc Caro über Nacht berühmt. Denn seine skurrile Kannibalen-Satire „Delicatessen“ wurde in Europas Programmkinos schnell zum Geheimtipp und schließlich zum echten Erfolg. Der Nachfolger „Die Stadt der verlorenen Kinder“ öffnete Jeunet dann die Tür nach Hollywood. Mit „Alien 4 – die Wiedergeburt“ drehte er den letzten Alien-Film mit Sigourney Weaver, der allerdings trotz typischer Jeunet-Ideen bei den Fans nicht gut ankam – der Grusel fehlte. Nach seinem Megahit „Die fabelhafte Welt der Amelie“ von 2001 wurde es stiller um Jeunet. Meldet er sich jetzt bei Netflix mit „Bigbug“ in alter Stärke zurück? Das klärt die Kritik.

Elsa Zylberstein
Alice ist mit der Menge an Gästen, die über sie hereinstürzen, alles andere als glücklich.

Die Handlung

2045: Die geschiedene Alice (Elsa Zylberstein) hat gerade den Kunstkenner Max (Stephane De Groodt) und dessen Sohn Leo (Helie Thonnat) zu Gast, als ihr Ex-Mann Victor (Youssef Hajdi) mit seiner neuen Freundin Jennifer (Claire Chust) und Alices‘ und Victors Tochter Nina (Marysole Fetard) hereinplatzt, deutlich zu früh. Die beiden wollen eine Reise machen und Nina deshalb bei ihrer Mutter abliefern. Als auch noch Nachbarin Francoise (Isabelle Nanty) vorbeischaut, weil sie bei sich zuhause kein Netz mehr hat, sind nicht nur Alices Hausroboter Monique (Claude Perron) und Einstein überfordert, auch die Hausherrin ist über den Andrang an Menschen in ihrem Heim mehr als irritiert.

Als dann die Haus-KI Nestor als Sicherheitsmaßnahme die Haustür verriegelt und die Menschen darin zu deren eigener Sicherheit gefangen hält, ist das Maß voll. Alice und ihre Gäste versuchen alles, um die Roboter auszutricksen und die Tür nach draußen zu öffnen. Dabei versuchen die Insassen es sowohl mit Gewaltandrohungen als auch mit ausgefuchster Psychologie, um den KIs beizukommen. Doch die beginnen lediglich, sich aufgrund philosophischer Debatten auch für Menschen zu halten. Und schließlich wird Alice und ihren Gästen klar, dass die Hausroboter ihre Menschen nicht aus niederen Gründen gefangen halten, sie wollen sie vor dem beschützen, was draußen vorgeht. Und das ist alles andere als erfreulich, wie der Besuch eines Sicherheitsroboters beweist …

Zu wenig Jeunet

Hat jeder Künstler seine Zeit? Ein geheimes Ablaufdatum, nachdem die Muse schlicht nicht mehr küsstt? Häufig sieht man bei Musikern, Autoren und anderen Künstlern eine großartige Phase. Die aber in den seltensten Fällen ein Leben lang anhält. Irgendwann scheint es mit den ganz großen Ideen vorbei zu sein. Zumindest lässt sich diese Theorie auf Jean-Pierre Jeunet anwenden, der offenbar seinen kreativen Pool nach seinen ersten erfolgreichen Filmen weitgehend ausgeschöpft hat. Denn Bigbug ist von einem frühen Jeunet in Sachen Einfallsreichtum und Witz leider weit entfernt. Die durchaus ansprechenden Grundidee einer Zukunft, in der Schreiben können schon als Kunst gilt und die Menschheit dank ihrer Roboter immer mehr verdummt, ist nicht sonderlich neu.

Zwar gibt es auch bei Bigbug immer wieder kleine Momente, in denen der einstige Jeunet noch durchblitzt. Insgesamt hangelt sich der Film aber deutlich zu lange 110 Minuten an einer Idee entlang, der er nur wenig Neues oder Unterhaltsames abgewinnen kann. Und bei der auch längst nicht jede Pointe im Ziel sitzt. Vor allem ein paar der Figuren geraten statt witzig lediglich nervtötend. So ist der lüsterne Max schon deshalb wenig unterhaltsam, weil er keine andere Aufgabe bekommt als Alice ins Bett zu kriegen. Da ist sein Leo, der ganz andere Ziele hat als sein Vater und dennoch erfolgreicher ist, sehr viel unterhaltsamer geraten. Und auch Jennefer ist als strunzdumme Brünette ein sehr unlustiges Klischee, das da durch Jeunets neuen Film trippelt.

Bigbug
Doch Alice ist nicht die einzige, die im idyllischen Vorort Probleme bekommt.

Kaum frische Ideen zu einem alten Thema

Dabei lässt sich den Schauspielern eigentlich gar kein Vorwurf machen. Auch hier muss sich Jeunet, der am Script mitarbeitete, die Kritik gefallen lassen, dass viele Dialoge schlicht platt ausfallen und mit früheren Filmen des Franzosen nicht mithalten können. Die Schauspieler können nur das spielen, was man ihnen vorgibt. Neben den beiden jungen Darstellern Marysole Fetard und Heli Thonnat fällt da noch Claude Perron positiv auf, die ihrer Rolle der robotischen Haushaltshilfe Monique ein paar gute Pointen abgewinnt. Insgesamt aber ist die Idee der Übernahme der Welt durch künstliche Intelligenz und Roboter schon sehr ausgelutscht und Jeunet findet selten den richtigen Dreh, daraus eine satirische Komödie zu machen, die auch funktioniert.

Die Handlung weist dabei kaum Höhepunkte auf und plätschert lange Zeit vor sich hin, bevor sie gegen Ende mit körperlichen Höhepunkten ein kleines Highlight setzt, das ein wenig an die noch deutlich bessere Matratzen-Sinfonie aus Delicatessen erinnert. Wenn aber eine Szene am stärksten ist, in der sich der Regisseur selbst zitiert, sagt das genug über Bigbug aus. Allerdings ist der Film auch kein Totalausfall, denn gerade im Bereich der Optik ist Jeunet immer noch in Form. Die Wohnung in Pastellfarben, das Aussehen der verschiedene Roboter, da blitzt das Können aus seinen frühen Werken deutlich hindurch. Wer sich also für Filme begeistern kann, die eine eigene Ästhetik mitbringen, dürfte mit Bigbug durchaus seinen Spaß haben.

Claude Perron
Denn die Roboter des Hauses spielen plötzlich verrückt. Was führen sie im Schilde?

Jeunets frühere Filme lebten sehr davon, dass sie bei aller Satire und durchaus boshaftem Witz ein paar Charaktere aufwiesen, die Jeunet als sympathische Helden ihrer eigenen Geschichte auftreten ließ. Davon ist bei Bigbug wenig zu spüren. Jeunets Kritik an der Menschheit ist hier fast allumfassend – bis auf die beiden Teenager kommt hier keiner gut weg. Um über sich selbst lachen zu können, sollte eine Satire aber witzig sein. Immerhin entlässt der Schlussgag über die Intelligenz von Maschinen, die von Menschen gebaut wurden, den Zuschauer mit einem Lächeln aus dem Film. Für Jeunets ersten Film seit acht Jahren ist Bigbug dennoch eine Enttäuschung.

Fazit:

Mit Bigbug kann der ehemalige Kult-Regisseur Jean-Pierre Jeunet seinem Ruf nicht gerecht werden. Zwar entdecken Fans hier und da noch das alte Talent für schräges Set-Design und abstrusen Humor wieder. Aber das blitzt letztlich viel zu selten durch in einem ansonsten reichlich durchschnittlichen Film mit ausgelutschtem Plot und wenig neuen Ideen. Zudem braucht der Film gut eine Stunde, bevor er überhaupt richtig Fahrt aufnimmt. Wer da an Delicatessen oder Die fabelhafte Welt der Amelie denkt und weiß, in welchem Tempo diese Filme erzählt wurden, der wird hier nicht zufrieden sein. Mit diesem Netflix-Projekt dürfe der Franzose seine Karriere wohl nicht wieder in Gang bringen. Sehr schade.

Bigbug startet am 11. Februar 2022 bei Netflix.

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Claude Perron
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