Viele TV-Zuschauer schimpfen – in der Regel zu Recht – auf das Sendergebaren der Privaten. Doch auch die Öffentlich-rechtlichen, in diesem Fall das ZDF, verstehen sich darauf, ihr Publikum nachdrücklich zu verärgern, diesmal mit „The Missing“.

Vor vier Wochen begann das ZDF, auf dem Sonntagabend-Krimiplatz gegen 22 Uhr mit der Ausstrahlung der ersten Staffel von The Missing. Die von Kritikern hoch gelobte britische Serie der BBC beschäftigt sich mit einem verschwundenen Kind, sowohl mit der Tat selbst als auch mit den Folgen für die Familie und Ermittler. Sie bekam 2015 zwei Golden Globe-Nominierungen dafür. In Deutschland lief sie bereits mit einem Jahr Verspätung ab Oktober 2015 beim Bezahlsender Sky. Und nun sollte sie endlich auch im Free-TV zu sehen sein. Dazu packte das ZDF immer zwei Originalfolgen des Achtteilers zu vier deutschen Happen zusammen. 

The Missing: Schwache Quoten = Nachtprogramm

Am Donnerstag vor der Ausstrahlung der beiden letzten Teile – also dem vierten deutschen Teil – teilte das ZDF in den Social-Media-Kanälen mit, dass das Finale der Serie auf 1:15 in der Nacht verschoben wurde. Unbestritten ist, dass die Serie bei den ZDF-Zuschauern keinen großen Zuspruch fand. Aber warum man eine Serie direkt vor dem Ende in die Nacht verbannen muss, ist dennoch unklar. Zumal es nicht nur auf dem angestammten Sendeplatz einen „Inspector Barnaby“-Krimi gab – offenbar mehr nach dem Geschmack der ZDF-Zuschauer. Sondern danach auch noch ZDF-History und Peter Hahne lief, bevor das Finale, in dem man endlich erfährt, was aus dem vor acht Jahren verschwundenen Oliver wurde, um 1:15 (!) endlich begann.

Hätten nun noch zehn oder mehr Folgen ausgestanden, sicher hätte so gut wie jeder Verständnis dafür gehabt, dass wegen schwacher Quoten ein neuer Platz her muss. Auch wenn ARD und ZDF eigentlich nicht derart auf Quoten schielen sollten. Aber ausgerechnet das Ende wird verbannt? Viel unsensibler kann man als Sender mit den sicher dennoch einigen hunderttausend Zuschauern, die die großartige Serie verfolgten, wohl kaum umgehen. Zumal in diesem Fall auch die Mediathek nicht weiterhelfen konnte – das ZDF hatte die Onlinerechte für The Missing gar nicht erst erworben.

The Missing

The Missing war hochkarätig besetzt: Tchéky Karyo („Der Patriot“), Emily Duquenne („Pakt der Wölfe“), Jason Flemyng („From Hell“), Frances O’Connor („The Conjuring 2“) und James Nesbitt („Der Hobbit 1-3“) spielten Hauptrollen.

Wiederholungstäter

Bereits die ebenfalls herausragende Krimiserie „The Fall“ von BBC Irland hatte das ZDF vor einiger Zeit klassisch zersendet. Hier machte der Sender aus den insgesamt elf Folgen der beiden ersten Staffeln eine Serie in fünf Teilen, schnitt also insgesamt etwa 50 Minuten aus dem Plot heraus. Und das mehr als zwei Jahre, nachdem die Serie in England gelaufen war – mitproduziert von deutschen Fernsehgebühren. Hier braucht der Fans auf eine baldige Ausstrahlung der dritten Staffel wohl gar nicht erst zu hoffen. Außer der Sender ist so freundlich, die Serie ungeschnitten ins Spätprogramm von ZDFneo zu setzen. Denn dort macht der Sender für anspruchsvolle Serienfans seit Jahren einen guten Job.

Was sich aber die Programmmacher mit Serienfans im Hauptsender ZDF erlauben, darf gern einmal kritisch hinterfragt werden. Klar, bei den Privatsender gibt es noch immer kaum jemanden, der bei modernen Filmen den Fakt erkannt hat, dass oft nach dem Abspann noch wichtige Szenen folgen. Aber was das ZDF seinen Zuschauern mit The Missing zugemutet hat, war da noch deutlich schlimmer. Wer das Schicksal von Oliver und seinem völlig verzweifelten Vater Tony erfahren wollte, musste bis 3:10 ausharren.

Liebes ZDF, wenn sich derart gute Serien wie The Missing oder The Fall nicht mit dem ZDF-Zuschauer des späten Sonntags vertragen, nutzt euren schönen Seriensender neo dafür und zeigt die Serien spät, aber nicht zu spät – und vor allem so, wie sie gedacht sind. Dass wir die ebenfalls achtteilige, ebenfalls hochgelobte zweite Staffel mit einem ganz neuen Fall bald zu sehen bekommen, darf aber wohl getrost ausgeschlossen werden. Obwohl mit David Morrisey („The Walking Dead“) hier ebenfalls ein bekanntes Gesicht die Hauptrolle schmückt. 

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