Therapeutin Jean ist scheinbar vom Teufel geritten: Gegen jeden Berufsethos lernt sie inkognito die Personen kennen, mit denen ihre Patienten Probleme haben. Naomi Watts liefert in „Gypsy“ trotz großartiger Kollegin eine packende One-Woman-Show über eine Frau, die den Halt verliert.

Netflix ist kein Kind von Traurigkeit, wenn es um Projekte geht, die ein wenig Risiko beinhalten. Tatsächlich ist die Story von Gypsy im ersten Moment nicht wirklich packend. Aufregend wird die Serie erst, wenn man sie wirklich sieht, denn Naomi Watts spielt sich hier die Seele aus dem Leib.

Gypsy: Die Handlung

Jean (Naomi Watts) ist eine „Fourtysomething“ und steht mit beiden Beinen fest im Leben. Sie ist Teil einer gut laufenden Praxis, hat einen erfolgreichen, liebenden Ehemann (Billy Crudup), eine kleine Tochter und gute Freunde. Und doch beginnt sie, scheinbar ganz ohne Grund, einen Coffeeshop zu besuchen. In dem arbeitet Sydney (Sophie Cookson), die Verflossene eines Patienten, der seit Monaten nicht von ihr loskommt. Sie stellt sich aber nicht als Therapeutin ihres Ex-Freundes vor, sondern lernt Sydney als eben erfundene Person kennen. Ist es diese verbotene Tat, die Jean so prickelnd findet oder sieht sie etwas in Sydney, das sie gerne hätte?

Auch privat ändert sich Jeans Verhalten: Sie fordert von Gatte Michael offensiv Sex ein, wechselt von Weißwein auf Whiskey und legt sich mit spießigen Schulmüttern an. Was stimmt plötzlich nicht mehr mit Jean, dieser perfekt funktionierenden, immer ruhigen Frau? Liegt es daran, dass sie glaubt, Michael habe ein Verhältnis mit seiner Assistentin Alexis? Liegt es daran, dass sie nicht mit ihrer Mutter (Blythe Danner) spricht?

Keine leichten Antworten

Wer auf schnelle Erklärungen oder einfache Antworten hofft, ist hier falsch. Naomi Watts bleibt viele Folgen lang ein vermeintliches Rätsel, das seine Hinweise nicht offen preisgibt. Wer gut hinsieht, bekommt zwar bald eine Fülle von möglichen Gründen aufgezeigt, aber Jeans Charakter bleibt dennoch schwer ergründlich. Naomi Watts lässt den Zuschauer diese Wechsel von beherrscht zu spontan, von ruhig zu wütend, miterleben, ohne sie zu begründen. Und bleibt deshalb unglaublich spannend.

Denn der Verfall beginnt schleichend. Erste kleine Lügen, um einen Abend frei zu haben, werden bald zur Gewohnheit. Der tägliche Alkoholbedarf steigt ebenfalls stetig an. Und schließlich hat die sonst so ruhige und besonnene Jean ihre Nerven nicht mehr im Griff und giftet eine Helikopter-Mutter auf der Geburtstagsparty ihrer Tochter an. Auch die Kontaktversuche von Sydney nach einem flüchtigen Kuss und einem flachen Satz lassen Jean nicht kalt, immer wieder greift sie zum Telefon – und doch antwortet sie nicht – noch nicht. Denn dass sie schließlich doch ihren Gefühlen nachgibt und sich somit immer weiter von ihrem bisherigen Leben entfernt, scheint sicher.

Gypsy

Die hübsche Sydney führt Jean auf einen gefährlichen Pfad.

Sperrig, aber faszinierend

Durch die langsame Erzählweise und den interessanten Fakt, dass die wirklich wichtigen Dinge nicht gesagt werden, zieht die Serie das Publikum nicht hinein, sondern hält ihn streckenweise sogar auf Abstand. Dennoch werden sich gerade Zuschauer im gleichen Alter sicher in Jean wiedererkennen, denn dieses „Kann das schon alles gewesen sein, was ich vom Leben verlangen kann?“ transportiert Watts so intensiv wie wortlos. Ein Blick, eine Geste, sind hier genug.

Ein wenig störend wirken zu Beginn hingegen die anderen Patienten von Jean. Denn weder die drogensüchtige Allison (Lucy Boynton, (Sing Street“), noch die auf ihre Tochter fixierte Witwe Claire (Brenda Vaccaro) sind spannend genug, um echtes Zuschauerinteresse zu wecken. Und das liegt nicht an den Darstellerinnen, vielmehr wirken die Figuren in den ersten Folgen einfach nicht so, als hätten sie der Handlung noch etwas Packendes hinzuzufügen. Ob aus ihnen noch etwas wird, bleibt abzuwarten. Viel Raum bekommen sie ohnehin nicht, denn Gypsy erzählt in erster Linie Jeans Geschichte – und die braucht und nimmt sich viel Platz.

Musikfans dürfen übrigens niederknien, denn der Serie ist es gelungen, Stevie Nicks dazu zu bringen, ihren für Fleetwood Mac 1982 geschriebenen Song „Gypsy“ neu einzusingen. In jedem Vorspann ist diese wunderbare, zerbrechliche Version des Songs nun zu hören. Und bringt den Zuschauer sofort in die für die Serie perfekte Stimmung.

Fazit:

Gypsy ist weder leicht zugänglich, noch fesselt die Serie mit Action oder schneller Erzählweise. Stattdessen baut sich Folge um Folge eine Atmosphäre auf, die für die Hauptfigur langsam aber scheinbar unaufhaltsam in den Untergang führt. Die ruhelose Figur, die sich wie der titelgebende Zigeuner nirgendwo richtig dazugehörig fühlt, wird sicher eher ältere Zuschauer ansprechen. Und für die ist Gypsy auch gedacht. 20-jährige dürften kaum Gefallen an der Serie finden, während 40-jährige sofort Parallelen zu ihrem eigenen Leben sehen. Und so einen Zugang zu Jean aufbauen, der nötig ist, um diese Serie wirklich zu mögen. Naomi Watts‘ intensives Spiel bleibt aber selbst dann noch sehenswert, wenn der Funke nicht gleich überspringt.

Gypsy

Die drogenkranke Allison weckt in Jean unprofessionelle Muttergefühle.

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