Krimis sind ja bekanntlich der Deutschen liebstes Kind, wenn es um Fernsehunterhaltung geht. Allerdings ist das in vielen anderen europäischen Ländern nicht viel anders. Deshalb kam Netflix auf die Idee, eine räumlich extrem begerenzte  Krimi-Serie ins Leben zu rufen, bei der vier Länder (Deutschland, Großbritannien, Spanien und Frankreich) jeweils drei Episoden beisteuern würden. Das Ergebnis ist jetzt da und nennt sich „Criminal“ mit den Zusätzen Deutschland, Frankreich und Spanien. Wie gut ist die Serie geworden?

Damit erst gar keine Missverständnisse aufkommen – das ist keine Serie mit einer durchgehend erzählten Handlung. Tatsächlich steht sogar jede einzelne Folge für sich, lediglich das Personal der Beamten in den einzelnen Revieren bleibt gleich. Und auch mit Action kann das neue Format nicht aufwarten. Kammerspielartig bleibt die Kamera in nur wenigen Räumen, während die Cops einen Verdächtigen befragen. Kann so eine reduzierte Idee tatsächlich Spannung aufbauen? Oder bleibt Criminal eher langweilig?

Criminal

Das britische Team diskutiert über einen Fall und wertet die Aussagen aus – schuldig oder nicht?

Criminal: Die Handlung

Vier Teams, zwölf Fälle. Jeweils mehrere Beamte der ansässigen Polizei vernehmen einen oder eine Verdächtige zu ganz unterschiedlichen Verbrechen. Mal ist es ein kaltblütiger Mord, mal Mordversuch, dann wieder häusliche Gewalt. Neben dem jeweiligen Fall erfährt der Zuschauer aber auch immer wieder kleine Details aus dem Privatleben der Ermittler, beispielsweise, dass einer der britischen Cops heimlich in seine Chefin verliebt ist. 

Das deutsche Team (unter anderem verkörpert von Sylvester Groth und Florence Kasumba) hat dabei ebenso prominente Verdächtige (Nina Hoss) und Anwälte (Christian Berkel) wie die britische Version, die mit den beiden wohl größten Stars aufwarten kann: David Tennant und Hayley Atwell verkörpern zwei der möglichen Criminals, von denen die erste Staffel (oder auch die ersten vier Staffeln, wie man das eben zählen möchte) insgesamt zwölf zu bieten hat. Wer ist schuldig? Und wer sitzt fälschlich in der Befragung?

Criminal: Kammerspiele

Die Handlungsbeschreibung lässt nichts weg. Hier geht es tatsächlich ausschließlich um Vernehmungen, die alle einen mehr oder weniger originellen Twist irgendwann in der Folge präsentierten. Hat David Tennant als Edgar seine Stieftochter ermordet, weil sie drohte, ihr Verhältnis mit ihm auszuplaudern? Oder ist der Mann wirklich unschuldig, wie er behauptet – und ein andere Täter muss es gewesen sein? Mit solchen Fragen wird der Zuschauer in jeder einzelnen Folge konfrontiert. 

Und das ist durchaus unterschiedlich spannend. Die mit 45 Minuten passend langen Episoden fesseln nicht immer. Mal ist die Pointe zu vorhersehbar, mal ist das Verbrechen zu uninteressant, mal die Darsteller nicht wirklich überzeugend. Aber wie in den meisten Anthologie-Serien gibt es auch hier in paar Highlights. Die mit David Tennant gehört ausdrücklich dazu. Hayley Atwell hat dagegen für ihre Episode nicht unbedingt den besten Autoren der Serie abbekommen.

Criminal

Eva Meckbach spielt eine Ermittlerin im deutschen Team, das gegen einen Staranwalt antreten muss.

Criminal: Kein Binge-Stoff

Weil sich die Folgen zumindest optisch so extrem ähnlich sind, empfiehlt sich die Serie auch nicht unbedingt als Binge-Material. Denn nach zwei Folgen reinen Dialogs ist eine Pause ganz angenehm. Ein paar Menschen beim Reden und Schweigen zuzusehen, ist nur in den allermeisten Fällen über 90 Minuten spannend – und Criminal macht da keine Ausnahme. Zumal die einzelnen Storys eben eher Kurzgeschichtenformat haben und nicht wirklich tiefgründige Themen vorweisen können. Einige reißen interessante Aspekte an, aber das war es dann auch. So starke, tiefgehende Storys wie bei der Netflix-Perle „Unbelievable“ entstehen so aber nicht.

Für Krimifans ist Criminal dennoch zu großen Teilen ein Vergnügen, da es das Kernthema – die Klärung des Verbrechens – in den Vordergrund rückt. Gewöhnungsbedürftig ist das Konzept sicher auch für diese Zielgruppe, die wird es aber am ehesten mögen. Wer hingegen hin und wieder mal einen Krimi schaut und sich auf Verfolgungsjagden und Spurensuche in der großen weiten Welt freut, ist hier in jedem Fall falsch.

Fazit:

Gut gespielt, manchmal auch gut geschrieben – die zwölf Folgen von Criminal sind in der Machart ähnlich, im Ton aber je nach Autor durchaus verschieden. Möglicherweise durch den überschaubaren Zeitaufwand hat die Krimi-Anthologie aus vier Ländern aber einige sehr gute Schauspieler verpflichten können, die das Publikum mit ihren Auftritten überzeugen können. Wer Krimis aber eigentlich nicht mag, sollte sich die spröde, nicht durchgehend packende Serie lieber schenken.

Criminal startet am 20. September 2019 bei Netflix.

Gesehen: Fünf von zwölf Folgen

Criminal

Nina Hoss spielt in einer der deutschen Folgen die Befragte, die möglicherweise mit einem Serienkiller in Verbindung steht.

Ähnliche Beiträge

Hinterlasse eine Antwort

Deine Email Adresse wird nicht veröffentlicht.

*