Erst nicht, dann doch: „Moonlight“ gewann den diesjährigen Oscar als bester Film und kommt nun als einer der letzten nominierten Filme endlich auch in die deutschen Kinos. Hat das Drama um einen schwarzen, schwulen Jungen die goldene Statue zu Recht geholt oder haben wir einen klassisch überhypten Film? Das klärt die Kritik.

 Gegensätzlicher konnten die beiden Favoriten auf den Oscar dieses Jahr kaum sein: Auf der einen Seite „La La Land„, das Musical, das sich tief vor der goldenen Ära Hollywoods verbeugt und in seiner durchgeplanten Perfektion gewollt künstlich und abgehoben erscheint. Auf der anderen Seite Moonlight, ein Film, der fast dokumentarisch ruhig beobachtet, wie sich ein Junge einen Weg ins Leben erkämpft. Moonlight gewann schließlich die wichtigste Trophäe – aber ist er wirklich besser als La La Land?

Die Handlung von Moonlight

Der Film erzählt die Geschichte des kleinen Chiron, den zu Beginn alle nur Little nennen, in drei Abschnitten: als Kind mit etwa 10 (Alex Hibbert), als Heranwachsenden mit etwa 17 (Ashton Sanders) und als jungen Mann Mitte 20 (Trevante Rhodes). Keiner dieser drei Chirones spricht viel, alle halten ihr Herz tief verborgen.

Little wird wieder einmal von Mitschülern verfolgt und in ein leerstehendes Haus gejagt. Dort findet ihn der aus Kuba stammende Drogendealer Juan (oscarprämiert: Mahershala Ali), der sehr behutsam einen Draht zu Little aufbaut. Sehr zum Missfallen von Little Mutter Paula (oscarnominiert: Naomie Harris), die süchtig nach Crack ist und sich die meiste Zeit nicht um Little kümmert. Juan und seine Frau werden zu einer Ersatzfamilie für ihn, und langsam fasst Little Vertrauen zu dem Mann, der seiner Mutter letztlich die Drogen verkauft …

Chiron versucht in der Schule, so oft wie möglich unsichtbar zu werden, während sein einziger Kumpel Kevin mit den harten Jungs abhängt. Zwischen Pflichtgefühl für seine Mutter und Angst vor dem Morgen bleibt kaum Zeit für andere Emotionen, doch ein kurzer Moment am Strand ändert alles …

Jahre später nennt Chiron sich Black und verkauft nun selbst Drogen. Zu seiner Mutter hat er kaum Kontakt, zum Rest seiner Kindheit noch viel weniger. Umso erstaunter ist er, als sich ausgerechnet Kevin bei ihm meldet, um zu hören, wie es ihm geht. Aus einem Impuls heraus bricht Black auf, um Kevin zu besuchen …

Viel Raum für eigene Gedanken

Die wohl größte Kunst, die Regisseur Barry Jenkins mit Moonlight auf die Leinwand brachte, besteht darin, seine Geschichte ungeschönt und ohne viele Worte zu erzählen. Das schwarze Ghetto in Florida ist nicht wie in typischen Hollywood-Filmen, es wird nicht nur geflucht und geschossen, es wirkt fast wie ein ganz normaler Ort. Dennoch besteht kein Zweifel, dass man dort lieber nicht aufwachsen würde, wenn man die Wahl hätte. Auch große Gefühlsausbrüche findet man hier nicht: Schon als Zehnjähriger ist Chiron so verwundet vom Leben, dass er kaum spricht oder auf seine Umwelt reagiert – wüsste man es nicht besser, man müsste ihn für einen Autisten halten. Und so packt der Zuschauer seine eigenen Empfindungen in diese dunklen Augen, die stets halb vorwurfsvoll, halb verängstigt von der Leinwand blicken. Wie schon Sunny Pawar in „Lion“, macht Alex Hippert das Leid des Kindes dadurch erfahrbar, dass er nicht weint, nicht schreit, sondern funktioniert und dabei versucht, sich einen Rest Leben im Inneren zu bewahren. Ergreifender als in der ersten halben Stunde wird Moonlight nicht mehr.

Dem Drehbuch von Jenkins ist es so verdanken, dass der Zuschauer nicht mit Klischees, sondern mit Menschen zu tun hat. Juan, der Dorgendealer, der dennoch die meiste Zeit seines lebens ein netter Kerl ist. Paula, das Monster, das Chiron so tief verletzt wie niemand sonst, und doch ab und zu auch eine ganz normale, liebende Mutter ist. Kevin, der Chiron ebenfalls tief verwundet, obwohl er doch viel für ihn empfindet: Jenkins setzt die Widersprüche genauso zusammen, dass lebendige, glaubwürdige Menschen dabei herauskommen – die Nebenrollen-Oscar-Nominierungen sprechen für sich.

moonlight

Das Leben meint es nicht gut mit Chiron – das ändert sich auch mit 17 nicht.

Bildungsbürger-Kino

Und doch ist Moonlight kein Film, den der Gelegenheits-Kinogänger sich ansehen oder gar feiern wird. Jenkins schert sich wenig um Spannungsaufbau oder Dramaturgie, erzählt spröde, fast dokumentarisch seine Geschichte. Für Cineasten ist das hohe Schule, für den Rest die meiste Zeit wohl eher langweilig. Denn Jenkins nimmt sein Publikum nicht an die Hand, kaut nichts vor, erklärt wenig. Fast beiläufig lässt er wichtige Personen verschwinden, einfache Antworten verweigert er konsequent. Das macht Moonlight gleichzeitig zu einem so guten und schwierigen Film, der eines nicht sein will: Unterhaltung. Und so wird er letztlich wohl wieder nur die Zuschauer erreichen, die sich für solche Filme interessieren – für die hat er aber wenig Neuigkeiten zu bieten.

Obwohl Moonlight als Reaktion auf die letztjährige Debatte der zu weißen Oscars gesehen wird, tut man dem Film aber unrecht, wenn man ihn nur auf das schwarze Thema reduziert. Denn den Oscar verdient Jenkins, weil seine Geschichte so viel mehr ist. Tauscht man die eine oder andere Komponente aus, passt die Story weit universeller auf alle Außenseiter in allen möglichen Gesellschaften und Kulturen. Chiron ist schwul und schwarz, doch das ist nicht entscheidend. Chiron denkt und fühlt anders als die Masse, das ist der Kern. Und deshalb ist es auch kein schwarzer Oscar, sondern ein verdienter.

Fazit:

Moonlight ist wahrlich kein leichtes Stück Kino, denn mit Erklärungen und eindeutigen Meinungen hat es Regisseur Barry Jenkins nicht so. Er lässt die Emotionen und Gedanken des interessierten Publikums diesen Job machen. Das ist toll für alle, die sich auf das spröde, oft am Rande zur Langweile realistische Geschehen einlassen – und extrem öde für den klassischen Hollywood-Unterhaltungsfilm-Fan. Moonlight gehört in die große Kategorie der Filme, die den Oscar zwar verdienen, aber nie ein breites Publikum finden werden. Während La La Land sich einem weltweiten Ergebnis von 400 Millionen Dollar nähert, hat Moonlight noch keine 50 eingespielt. Das wird auch das deutsche Publikum nicht entscheidend ändern.

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Mit Mitte 20 hat Chiron sich einen dicken Muskelpanzer angelegt und handelt mit Drogen, ist aber emotional noch immer nicht vom Fleck gekommen.

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