Der Jahresbeginn hat es qualitativ oft in sich. 2018 lief mit „Three Billboards“ der beste Film des Jahres schon im Januar. Und auch 2019 beginnt mit einem Paukenschlag. „Green Book“ von Peter Farelly, Teil des ehemaligen Comedy-Regie-Duos der Farrelly Brüder („Verrückt nach Mary“), hat gleich fünf gute Oscar-Chancen, darunter auch für beide Hauptfiguren. Ist die Verfilmung einer wahren Geschichte aus den 60er-Jahren der USA wirklich so gut? 

Authentischer geht es kaum. Nicht nur, dass der Titel Green Book sich auf das damals wirklich existente „Negro Motorists Green Book“ bezieht, in dem nachzulesen war, welche Hotels und Restaurants schwarze Gäste bedienten. Auch die Geschichte selbst basiert auf einem Drehbuch, an dem Nick Vallelonga, Sohn der von Viggo Mortensen gespielten Tony, maßgeblich mitgeschrieben hat. Er hatte vor dem Tod seines Vaters oft mit ihm über die Ereignisse von damals gesprochen und auch die alten Briefe seiner Mutter bekommen. Ist das vielleicht zu viel Realismus für einen guten Film?

Green Book

Dr. Don Shirley ist ein begnadeter Pianist, aber auch herablassen, kühl und eingebildet.

Green Book: Die Handlung

Weil es in dem Nachtclub, in dem Tony Lip (Viggo Mortensen) als Rausschmeißer arbeitet, dicke Luft zwischen zwei verfeindeten Mafia-Familien gibt, macht der Laden kurzerhand eine Weile dicht, bis sich die Gemüter beruhigt haben. Doch Tony hat Familie und braucht Geld. Als das Angebot kommt, als Fahrer für einen Schwarzen zu arbeiten, der mehrere Wochen in die Südstaaten muss, bewirbt sich Tony auf den Job – und begegnet einem in seinen Augen hochgradig eigenartigen Schwarzen. Dr. Don Shirley (Mahershala Ali)  ist Musiker, hochintelligent und gebildet.

Tony bekommt den Job tatsächlich, verabschiedet sich von Gattin Dolores (Linda Cardellini) und verspricht ihr, oft Briefe zu schicken. Dann beginnt die Tournee des Musikers, dessen zwei Bühnenpartner im eigenen Wagen reisen. Zuerst können der Intellektuelle, der auch auf andere Schwarze herabsieht, und der ungebildete, aber smarte Tony nicht viel miteinander anfangen. Aber der italienischstämmige Fahrer redet und fragt so permanent auf Shirley ein, dass dieser schließlich doch private Dinge von sich preisgibt …

Green Book: Ein Rassismus-Feel-Good-Movie?

Rassismus ist in den USA noch immer ein großes Thema und bewegt den kleinen Mann ebenso wie die Kulturschaffenden des Landes. Anders ist eine Oscar-Nominierung für „Black Panther“ auch nicht zu erklären. Aber dabei geht es entweder bitterernst zu, wie in „Moonlight“. Oder die weißen Rassisten werden komödiantisch als hirnlose Trottel gezeigt, wie in „Blackklansmen“. Green Book macht beides nicht, sondern skizziert den Rassismus der 60er Jahre eher nebenbei. Während er in wunderbaren Szenen die Entstehung einer besonderen Freundschaft erzählt.

Wie aus gegenseitiger Abneigung erst Verständnis, dann Respekt und schließlich Freundschaft wird, hat ein Film lange nicht mehr so warmherzig und emotional erzählt, ohne jemals auf die Tränendrüse zu drücken oder übertriebene Momente zu bemühen. Farrelly dirigiert seine beiden Stars dabei traumhaft sicher durch den Film. Und sorgt dafür, dass sie keinen einzigen Moment aus ihrer Glaubwürdigkeit fallen. Deshalb sieht der Zuschauer auch nur Nuancen von Änderungen. Aber das kann schon reichen, um etwas besser zu machen – eine schöne Botschaft des Films.

Green Book

Tony Lip ist ein einfacher Mann, der seine Familie ernähren muss – und deshalb notgedrungen für einen Schwarzen arbeitet.

Green Book: Edel gespielt

So ist Tony zu Beginn des Films im Alltag ein Rassist. Als zwei schwarze Handwerker, die von Dolores angeheuert wurden, um etwas in der Küche zu reparieren, um etwas Wasser bitten, entsorgt Tony die Gläser hinterher heimlich im Müll. Und steht so stellvertretend für die meisten Weißen der 60er, für die der Rassismus völlig normal war – etwas, an das man keinen zweiten Gedanken verschwendet. Viggo Mortensen schaffte es, aus diesem eigentlich sehr unsympathischen Typen im Verlauf des Films jemanden zu machen, den man versteht – und dann auch mag.

Das Gleiche gilt für Mahershala Ali, der seine Figur, die zu niemandem wirklich gehört – und zu Beginn auch nicht gehören möchte – so fein verkörpert, dass sich wie bei einer Zwiebel eine Schale nach der anderen abzieht und der Zuschauer Dinge von ihm erfährt, die zu Anfang kaum vorstellbar schienen. Ali spielt seine zutiefst tragische Figur mit einer Mischung aus Wut und Würde, die ihm seine Oscar-Nominierung zu Recht einbrachte, weil er sie so nachvollziehbar macht. Dabei hilft das ausgezeichnete Drehbuch mit wundervollen Dialogen.

Wenn man sich dann vor Augen hält, dass diese Geschichte mit eventuellen kleinen Änderungen aus dramaturgischen Gründen, tatsächlich so passiert ist, kommt man kaum umhin, davon berührt zu werden. Gerade weil es trotz der eigentlich düsteren Ausgangsposition so viel zu lachen und zu schmunzeln gibt. Denn statt Betroffenheitsreden oder pathetischen Szenen zeigt Green Book, wie man das im Alltag regelt – mit kleinen Gesten und wenigen Worten. Das macht den Film so lebendig und so sehenswert.

Fazit:

Mit Green Book gelingt Peter Farrelly ein Film gänzlich abseits seiner bisherigen Klamauk-Erfolge, aber dennoch streckenweise genauso witzig. Weil er nicht den Rassismus ins Zentrum seiner Erzählung rückt, sondern die Freundschaft zweier Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Und trotzdem einen Weg zueinander finden. Wer Kino als einen Ort ansieht, wo man gute Geschichten erzählt bekommt, für den ist Green Book gemacht. Ein Film, aus dem man vielleicht nicht als besserer Mensch herauskommt – aber als glücklicherer.

Green Book läuft ab dem 31. Januar 2019 in den deutschen Kinos.

Green Book

Auf der langen Reise in den Süden der USA kommen sich die beiden völlig unterschiedlichen Männer näher.

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