Die Kritiker in den USA überschlugen sich, als im Februar Jordan Peeles cleverer Horror-Thriller „Get Out“ in die dortigen Kinos kam. Mittlerweile steht er sogar auf Platz fünf der besten Horrorfilme aller Zeiten in der Datenbank IMDB. Gehört er dahin? Ist der Hype gerechtfertigt?

Eigentlich ist Jordan Peele ein Comedian. In seiner Show „Key and Peele“ bewies der 38-jährige das mit Partner Keegen-Michael Key auch eindrucksvoll. Dass Peele mehr kann als das, zeigt er mit Get Out, bei dem er nicht nur Regie führte, sondern auch das Drehbuch schrieb. Lustiger Horror? Gruselige Comedy – was ist Get Out?

Get Out: Die Handlung

Der junge schwarze Fotograf Chris (Daniel Kaluuya) ist seit fünf Monaten mit seiner weißen Freundin Rose Armitage (Allison Williams, „Girls“) zusammen, als ihm die Stunde schlägt: Der erste Besuch bei ihren Eltern steht an. Auf der Fahrt muss Chris nicht nur feststellen, dass Roses Eltern nichts von seiner Hautfarbe wissen, ihm springt auch noch ein Reh vor das Auto. Der Cop, den die beiden rufen, interessiert sich aber mehr für die Papiere des jungen Mannes als für das sterbende Tier. Nur weil Rose resolut dazwischen geht, dürfen die beiden schließlich weiterfahren.

Umso angenehmer ist für Chris der Empfang bei Missy und Dean, Roses Eltern. Offenbar haben die beiden für Rassismus nichts übrig. Aber warum verhalten sich die beiden schwarzen Bediensteten dann so seltsam? Warum erwarten die Armitages ausgerechnet an diesem Wochenende Besuch von all ihren Freunden? Und warum hat Chris immer mehr das Gefühl, als drehe sich das ganze Wochenende nur um ihn? Wird er langsam paranoid oder geschehen hier wirklich seltsame Dinge? Das findet Chris auf eine Art heraus, die ihm gar nicht gefällt …

Konsequent umgesetzt

Ohne zu spoilern, ist der gesamte Plot von Get Out schon vogelwild, auf die Grundidee des Films muss man sich einlassen, damit sie Wirkung zeigen kann. Aber Peele setzt diese Idee sehr konsequent um, woraus der Film seinen Reiz bezieht. Get Out lässt wenig Zweifel daran, dass Chris in Gefahr ist, das Verwirrspiel um eine mögliche Bedrohung hält nicht lange an. Aber Peele spielt so clever mit Klischees der US-Gesellschaft und fängt die politische Stimmung im Land so gut ein, dass der Erdrutsch-Erfolg dort kein Wunder war. Sieht man den Film aber mit europäischem Abstand, wo der tägliche Rassismus ganz andere Wurzeln hat als in den USA, dann verpufft manche Szene, erschließt sich die Brisanz des Stoffes nur theoretisch.

Dass Peeles Plot dennoch glänzend unterhält, legt an gut gesetzten Twists. Manche sehen Horror-Experten zwar schon von weitem kommen, dennoch sind sie derart gut gemacht, dass sie auch dann bestens funktionieren, wenn man sie erwartet hat. Zudem verfügt Peele über ein ausgezeichnetes Gefühl für Timing. Was als Comedian wichtig ist, hilft auch hier sehr viel weiter, denn Peele walzt keinen Teil der Geschichte unnötig aus, sondern zieht die Spannungsschraube gekonnt und dauerhaft an. So treibt er das unbehagliche Gefühl, dass der Zuschauer bekommt, sobald Chris das Haus der Armitages betritt, permanent ein Stück weiter in die Höhe. Das Publikum bleibt so sehr nah an den Figuren und wenn die meisten das große Ganze durchschaut haben, versucht Peele auch keine weiteren Verschleierungstaktiken mehr, sondern präsentiert einen harten, extrem spannenden Schlussakt.

Get Out

Freundin Rose stellt Chris ihren Eltern vor. Damit beginnt für den jungen Schwarzen ein unvergessliches Wochenende.

Variante des bekannten Stoffes

Das Misstrauen gegenüber eigentlich vertrauten Personen, die Unsicherheit in einer neuen Umgebung, der Druck, gefallen zu müssen – all das sind Grundmotive, bei denen sich der Horrorfilm schon seit Jahrzehnten bedient. Jordan Peele erfindet hier nichts neu, sondern nutzt den Horrorfundus nur klug aus. Sein darauf gesetzte Rassenthematik macht die eigentlich zeitlosen Themen aber zum momentan passenden Zeitgeist-Film. Bereits der Trailer erinnert an Filme wie „Die Frauen von Stepford“ oder „Die Invasion der Körperfresser“. Allerdings hätte sich Peele weitaus schlechtere Vorbilder wählen können, als diese beiden. Vor allem der Stepford-Film weist viele Parallelen auf, da er ebenso in der weißen Oberschicht angesiedelt ist wie Get Out.

Jason Blums Blumhouse Productions, bereits an vielen guten Horrofilmen („The Purge“-Reihe) der vergangenen Jahre beteiligt und zurzeit mit dem Remake von Stephen Kings „Feuerkind“ beschäftigt, bewies mit Get Out erneut ein gutes Händchen. Aber einer der fünf besten Horrorfilme aller Zeiten? Da sollte man doch die Kirche im Dorf lassen. Denn so nachträglich verstörend wie die Klassiker des Genres ist Get Out bei weitem nicht. Allein schon, weil die immer wieder auftauchende Selbstironie des Plots deutlich mehr zum Lachen anregt, als für einen Gruselschocker schicklich wäre. 

Fazit:

Seltsame Gastgeber, schleichendes Unbehagen, merkwürdige Menschen: Wer auf solche Themen bei Horrorfilmen steht, darf sich Get Out auf keinen Fall entgehen lassen. Lange gab es keinen so cleveren Vertreter dieser Horror-Variation. Der Film bedient sich zwar bei Vorbilder wie Die Frauen von Stepford oder die Invasion der Körperfresser, baut das Rassismusthema aber derart clever mit ein, dass auch das gehobene Feuilleton hier angetan war. Von den besten Horrorfilmen aller Zeiten ist Get Out zwar ein Stück entfernt, ein sehr unterhaltsamer Thriller ist er aber dennoch. 

Get Out startet am 4. Mai 2017 in den deutschen Kinos.

Get Out

Roses Eltern Dean und Missy sind geradezu Musterbeispiele liberaler weißer Bildungsbürger – oder doch nicht?

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