Mit „Blade Runner 2049“ geht ein Film in eine Fortsetzung, der seiner Zeit 1982 Jahre voraus war und sich dann langsam in verschiedenen Schnittfassungen zu einem der wichtigsten Sci-Fi-Kultfilme überhaupt entwickelte. „Arrival“-Regisseur Denis Villeneuve traute sich, den zweiten Teil dieser Story zu inszenieren – ist ihm das gelungen?  

Viel größere Fußstapfen kann man sich eigentlich nicht antun: Ridley Scotts Sci-Fi-Meilenstein nach der Story von Mastermind Philip K. Dick ist nicht nur in Optik und Inhalt bahnbrechend, er ist auch bemerkenswert gut gealtert und überzeugt noch heute. So hat sich Denis Villeneuve eine echte Herausforderung gesucht, als er diesen Job annahm. Kann die Fortsetzung stilistisch und inhaltlich an den ersten Blade Runner anknüpfen oder ist es wieder einmal eine Fortsetzung, die keiner braucht?

Blade Runner

Joi ist zwar keine echte Frau, aber das stört K überhaupt nicht. Für den Replikanten-Cop ist sie real genug.

Blade Runner 2049: Die Handlung

Regisseur Denis Villeneuve bat vor der Presseverführung per Text, dem Publikum nicht die das Verraten von wichtigen Details den Spaß am Film zu nehmen. Deshalb fällt dieser Bereich diesmal sehr kurz aus.

Replikantencop „K“ (Ryan Gosling) jagt einen flüchtigen Replikanten, der schon seit Jahren untergetaucht ist. K findet seinen Mann und töten ihn im Kampf, doch so ganz rund ist der Fall damit noch nicht. Der abgebrühte Blade Runner findet Hinweise auf eine Leiche, deren Untersuchung eine ungeheuerliche Vermutung offenbart. Und um diese in Fakten zu verwandeln, schrecken verschiedene geheimnisvolle Gruppierungen vor nichts zurück. Für K wird die Luft immer dünner …

Grandiose Optik …

Das Beste zuerst: Blade Runner 2049 sieht fantastisch aus. Nahtlos passt sich die Kamerarbeit des erfahrenen Roger Deakins („Skyfall“, „Sicario“) an die Vorgaben an, die der erste Teil entwarf und erweckt erneut das futuristische Los Angeles im Dauerregen zum Leben. Die Bilderflut ist es denn auch, die den Zuschauer in die zunächst wenig spektakuläre Handlung zieht. Wie aus dem ersten Teil schon bekannt, beherrschen auch hier wieder übermannshohe Werbehologramme das Stadtbild, prasselt das Wasser unaufhörlich auf seiner Bewohner nieder und macht deutlich, dass sich in den 30 Jahren seit dem Ende von Teil so viel nicht geändert hat. Auch wenn der Vorspann des Films etwas Anderes suggeriert.

Auch die Figuren des Films kleidet Deakins in ganz besondere Looks, allen voran Ks sehr virtuelle Freundin Joi (Ana de Armas). Derart brillante, aber auch leicht verstörende Effekte wie bei ihr hat das Publikum lange nicht gesehen. Villeneuve folgt damit seinem Vorgänger Ridley Scott, indem er bereits optisch Fragen aufwirft, die sich mit dem Menschsein beschäftigen. Wenn Joi mit einer anderen Person verschmilzt, welche von beiden ist dann künstlich? Keine? Beide? Antworten darauf geben Villeneuve und seine Autoren Hampton Fincher („Balde Runner“) und Michael Green („Logan“) nicht. Denn die, und das hat sich seit 1982 nicht geändert, sollte der Zuschauer für sich selbst finden.

… mit mehr Fragen als Antworten

Inhaltlich erzählt der Film konsequent die Story weiter, die im ersten Teil ihren Anfang nahm. Und wie dieser scheut sich Villeneuve davor, für alle Probleme, die der Film anspricht, auch Lösungen aufzuzeigen. Diesmal ist das aber zwiespältig. Denn neben den philosophischen Fragen, die Blade Runner 2049 stellt, sind es diesmal auch inhaltliche, die nicht aufgelöst werden. Warum manche Figuren im Film tun, was sie tun, lässt Villeneuve ebenso offen wie die genauen Beweggründe der unterschiedlichen Fraktionen in diesem stets faszinierenden, aber mitunter verwirrenden Plot um die Definition von echtem Leben – und den daraus resultierenden Konsequenzen. Solche Storylücken hat der erste Film nicht hinterlassen.

Auch an das Erzähltempo von Villeneuve müssen sich vor allem jüngere Zuschauer erst gewöhnen, denn der Kanadier nimmt das der Vorlage auf und entwickelt seinen Plot über weite Teile sehr ruhig, böse Zungen würden vielleicht sogar das Wort langweilig bemühen. Das wäre aber unfair, denn langweilig ist Blade Runner 2049 schon aufgrund seiner Optik keinen einzigen Moment lang. Erst gegen Ende seiner beachtlichen 163 Minuten zieht Villeneuve das Tempo etwas an, was dem Schlussakt eine höhere Dynamik verpasst als dem Rest des Films. Dennoch bleibt die Action immer notwendig und wirkt nie aufgesetzt oder gewollt. Villeneuve stellt seinen Film klar unter das Banner des Vorgänger-Meilensteins und liefert viele Momente ab, die auf die eine oder andere Art eine Verbeugung darstellen. 

Blade Runner

Was schon Teil eins auszeichnete, liefert auch die Fortsetzung: Brillante Bilder des düsteren Los Angeles im Dauerregen.

Blade Runner 2049: Etwas zu viel Retrocharme

Die sind zwar für Fans des ersten Teils sehr gelungen, nehmen Blade Runner 2049 aber auch einiges an Spannung und Möglichkeiten. Vieles wird angeschnitten, was ebenfalls einen spannenden Plot abgegeben hätte, aber nicht zum Zuge kam. Die Mischung aus Detektivgeschichte und philosophischen Fragen der Science Fiction funktioniert zwar, wirkt aber manchmal wie in ein Korsett, aus dem die Verantwortlichen nicht ausbrechen konnten. Man fragt sich beispielsweise, ob die Story ohne den Brückenschlag zu Deckard (Harrison Ford) nicht vielleicht besser geworden wäre. Und auch Neulinge im Universum der Replikanten werden vermutlich Schwierigkeiten haben, den Film wirklich zu verstehen. Die Autoren setzen vieles voraus, das man ohne Kenntnis des ersten Teils eigentlich nicht wissen kann. Das hat natürlich den Vorteil, dass sie Fans nicht mit Erklärungen langweilen. 

Trotz einiger Kritikpunkte gelingt Denis Villeneuve ein Werk mit genau der Tiefe, die der Umsetzung des ähnlichen kultig verehrten „Ghost in the Shell“ komplett abgeht. Blade Runner 2049 entlässt sein Publikum mit Fragen zurück in die Welt, die sich noch eine Weile im Kopf bewegen und sicher immer wieder hochpoppen. Und wer weiß: Vielleicht findet der Verstand ja eigene, spannende Antworten.

Fazit:

Optisch komplett, inhaltlich weitgehend überzeugende Fortsetzung eines absoluten Kult-Klassikers, der noch heute Maßstäbe setzt. Regisseur Denis Villeneuve zieht sich gut aus der Affäre und präsentiert einen langen, aber niemals öden Film mit klugen Wendungen, der geschickt mit der Erwartungshaltung des Publikums spielt. Und mit den Fragen spielt, die auch Blade Runner schon so groß gemacht haben. Dazu liefert er eine Optik, die alleine schon den Kinobesuch rechtfertigt. Man darf auf Villeneuves Version des „Wüstenplaneten“ gespannt sein.

Blade Runner 2049 läuft ab dem 5. Oktober in den deutschen Kinos.

Blade Tunner

Eine weitere Parallele: Wie Deckard muss auch K bei seiner Suche nach der Wahrheit einiges an Prügel einstecken.

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