Gleich mit ihrer ersten deutschsprachigen Rolle holte Diane Kruger den Schauspielerpreis beim Filmfestival in Venedig. Zu verdanken hat sie das dem Hamburger Regisseur Fatih Akin, der die Deutsche aus Hollywood an die Elbe holte und ihr die Hauptrolle in seinem wütenden Drama über den Terror von Rechts gab. Wie gut ist „Aus dem Nichts“?

Schon länger wollte Diane Kruger nicht nur auf ihr Äußeres reduziert werden, das ihr eine Modelkarriere in Paris und den USA eröffnete. So spielte sie in den vergangenen Jahren neben Hollywood-Stoff auch immer wieder in französischen Filmen mit, darunter auch schwerere Kost. So weit in den dramatischen Bereich wie bei ihrem Deutsch-Debüt Aus dem Nichts hat sich die mittlerweile 41-jährige gebürtige Niedersächsin aber noch nie vorgewagt. Ist das Experiment geglückt?

Aus dem Nichts

Hochzeit im Knast: Katja hat sich für Nuri entschieden und will nicht länger warten.

Aus dem Nichts: Die Handlung

Eigentlich wollte die damalige Studentin Katja (Diane Kruger) vom Kurden Nuri (Numan Acar) nur ein wenig Gras kaufen, doch die beiden verliebten sich ineinander. Noch im Gefängnis, in dem Nuri seine Strafe für Drogenhandel absaß, heirateten die beiden. Jahre später ist Nuri ein unbescholtener Bürger, betreibt ein Steuerbüro in der Stadt und lebt mit Katja und dem gemeinsamen Sohn Rocco in einem Vorort. Als Katja den Sohn bei Nuri im Büro abgibt, um sich mit einer Freundin zu treffen, ahnt sie nicht, dass sie ihre Familie zum letzten Mal sehen wird. Bei ihrer Rückkehr findet sie den Laden ausgebrannt vor, ein Bombenanschlag hat ihr Mann und Kind genommen. 

Nach quälend langen Wochen mit zum Teil erniedrigenden Fragen der Ermittler steht endlich fest: Die blonde Frau, die Katja vor dem Büro mit einem Fahrrad gesehen hat, ist dringend tatverdächtig, ein rechtsradikaler Hintergrund scheint sicher. Gemeinsam mit dem befreundeten Anwalt Danilo (Dennis Moschitto) stellt sie sich als wichtige Zeugin und Nebenklägerin dem schmerzhaften Prozess. Doch der läuft nicht so, wie erwartet …

Aus dem Nichts: Schmerz und Wut

Man merkt Regisseur Fatih Akin den Zorn über die Anschläge der NSU auf Mitbürger ausländischer Herkunft deutlich an, die für ihn der Grund waren, diesen Film zu machen. Denn er inszeniert Katja von Anfang an als wütende Frau, die sich nur mühsam beherrschen kann und einen harten Kampf kämpft, um sich selbst unter Kontrolle zu halten. Doch der Zorn und der Schmerz schwingen immer mit. In jeder Szene wartet der Zuschauer drauf, dass Katja entweder zusammenbricht oder explodiert. Und das spielt Kruger tatsächlich derart intensiv, dass man die Augen kaum von ihr lassen kann. Dass Diane Kruger eine derart gute Schauspielerin geworden ist, dürfte sicher für manchen eine Überraschung sein – es ist in jedem Fall eine positive.

Akin scheint das von Anfang an auch bemerkt zu haben, denn er verlässt sich komplett auf die Leinwandpräsenz seines Stars. In grobkörnigen Bild, fast wie ein Heimvideo, inszeniert er das Geschehen um den Mord an Katjas Familie zwar immer wertend, da er eine sehr klare Position hat. Aber er begleitet die Handlung fast dokumentarisch und verzichtet darauf, durch seine Inszenierung zusätzlich Stimmung zu machen – tatsächlich ist es auch nicht nötig.

Aus dem Nichts

Beim Prozess lernt Katja den Vater des Täters kennen, der sich für seinen Sohn bis ins Mark schämt.

Aus den Nichts: Drehbuch mit Schwächen

Und so ist der erste Akt des Films tatsächlich immens bedrückend. Krugers Darstellung der sich immer stärker aus dem Leben zurückziehenden Frau dabei schmerzhaft glaubwürdig. Doch im zweiten Akt, der quälend langen Gerichtsverhandlung, geht Akins Wut manchmal zu Lasten der Realität, manche Szene wirkt nicht glaubhaft, einiges ist schlicht übertrieben. Obwohl Kruger auch hier starke Szenen hat – insbesondere im Zusammenspiel mit Ulrich Tukur, dessen kleine Rolle nachhallt – ist die Verhandlung so der schwächste Teil des Films. Erst im letzten Akt des Dramas findet Akin wieder zu der Form zurück, die er in den ersten 30 Minuten bereits erreicht hatte.

Aber das ist auch Jammern auf hohem Niveau, denn Aus dem Nichts ist trotz der kleinen Schwächen in der Mitte ein intensives Kinoerlebnis, das sich traut, auch ein paar unangenehme Wahrheiten im Umgang mit dem Terror von Rechts auszusprechen. Denn das konsequente Ende entlässt das Publikum mit einem sehr ambivalenten Gefühl aus Katjas Leben zurück in die Realität. Und stellt Fragen, deren Antworten nicht leicht zu geben sind.

Dass Akin und Kruger mit diesem Film ins Oscar-Rennen gehen, ist deshalb auch die richtige Wahl. Denn ein deutscheres Thema als dieses kann es momentan angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung mit dem Aufstieg der Rechtspopulisten kaum geben. Und das hält Akin immer persönlich und direkt, lässt dem Zuschauer keine Chance, den emotionalen Teil durch Abstrahierung oder Relativierung loszuwerden.

Fazit:

Kein Film zum Wegschauen – in zweierlei Hinsicht! Weder lässt die Intensität Krugers zu, dass man Aus dem Nichts anteilslos konsumiert, noch darf man sich bei dem unbequemen Thema wegducken. Dass Fatih Akin sich einfachen Antworten und Lösungen verweigert, macht den Film noch ein wenig schwerer zu ertragen. Ist aber genau richtig, um sein Anliegen auch nach dem Verlassen des Kinos in Kopf und Bauch zu halten.

Aus dem Nichts startet am 23. November 2017 in den deutschen Kinos.

Aus dem Nichts

Nach der Verkündung des Urteils findet Katja ihren eigenen Weg, mit der Entscheidung der Richter umzugehen.

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